Politbarometer
Griechische Stalinisten im Höhenflug

Die Euro-Krise polarisiert: Die Griechen schätzen ihren neuen Premier, trauen ihm aber nicht die Lösung der Probleme zu. Immer mehr werfen sich linksradikalen Parteien in die Arme, die einen Austritt aus der EU fordern.
  • 11

Knapp vier Wochen nach seinem Amtsantritt ist der parteilose griechische Premier Lucas Papademos der populärste Politiker des Landes: 60 Prozent der Griechen äußern eine positive Meinung zu Papademos. Das zeigt die am Freitag veröffentlichte Dezember-Ausgabe des „Politbarometers“, einer allmonatlich vom Meinungsforschungsinstitut Public Issue für die Athener Zeitung „Kathimerini“ erhobenen Umfrage.

Der frühere Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB), der am 11. November als Ministerpräsident vereidigt wurde und das Land vor dem drohenden Staatsbankrott retten soll, hat damit gegen dem Vormonat sogar fünf Prozentpunkte zulegen können. Zugleich äußern sich aber 81 Prozent der Befragten unzufrieden mit der Arbeit der von Papademos geführten Drei-Parteien-Regierung.

Und immer weniger Griechen trauen dem neuen Regierungschef zu, dass er die wachsenden Finanzprobleme Griechenlands in den Griff bekommen kann: 53 Prozent der Befragten glauben das nicht. Im Vormonat zweifelten nur 35 Prozent daran.

Die Schuldenkrise hat Griechenland den steilsten wirtschaftlichen Einbruch seit Ende des Zweiten Weltkriegs beschert. Im 3. Quartal ging die Wirtschaftsleistung gegenüber dem Vorjahr um fünf Prozent zurück. Das Land befindet sich bereits im vierten Rezessionsjahr, und auch 2012 wird das Bruttoinlandsprodukt weiter schrumpfen.

Die Arbeitslosigkeit lag im September bei 17,5 Prozent. Unter den 15- bis 24-Jährigen betrug die Quote sogar 46,6 Prozent. Jene, die noch einen Job haben, müssen sich einschränken: nach Berechnungen des gewerkschaftsnahen Instituts für Arbeit sind die Löhne und Gehälter im Privatsektor in diesem Jahr um durchschnittlich elf und im öffentlichen Dienst um 20 Prozent gefallen. Zum 1. Januar kommen weitere Einschnitte auf die Bevölkerung zu: Der Wegfall von Freibeträgen bei  der Einkommensteuer und eine Solidaritätsabgabe werden die Nettoeinkommen und Renten um weitere 2,5 bis fünf Prozent schmälern.

Kein Wunder, dass die Krise zu tiefen Verwerfungen in der politischen Landschaft Griechenlands führt. Einen steilen Absturz erleben jetzt vor allem der vor vier Wochen zurückgetretene Ex-Premier Giorgos Papandreou und seine Panhellenische Sozialistische Bewegung (Pasok). Papandreou ist laut Politbarometer der mit Abstand unpopulärste Spitzenpolitiker des Landes. Nur noch zwölf Prozent haben eine positive Meinung von ihm, 86 Prozent äußern sich negativ.

Ähnlich rasant ist der Niedergang der Pasok. Nachdem die Partei bei der Wahl vom Oktober 2009 noch 44 Prozent der Wählerstimmen erhalten hatte, kommt sie bei der so genannten Sonntagsfrage jetzt nur noch auf 15,5 Prozent. Die konservative Nea Dimokratia steht in der Umfrage zwar als stärkste Partei da. Mit einem Stimmenanteil von 30 Prozent bleibt sie allerdings um fast vier Prozentpunkte unter ihrem Wahlergebnis von 2009. Überdies würde das nicht zu einer regierungsfähigen Mehrheit reichen, wenn am kommenden Sonntag Wahlen stattfänden.

Seite 1:

Griechische Stalinisten im Höhenflug

Seite 2:

„Vergesellschaftung“ allen Privateigentums

Kommentare zu " Politbarometer: Griechische Stalinisten im Höhenflug"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • @Spartakus
    Komische Argumentation! Für das, was unsere Politiker zur Zeit anrichten, werden wir in nicht allzu ferner Zukunft ebenso gerade zu stehen haben wie die Griechen für die tollen Taten der "ihrigen.
    Jeder Euro, der noch nach Gr fließt, ist verloren und der ESM ohnehin bei uns vermutlich nicht verfassungskonform. Also: Die Griechen werden bald den Euro-Raum verlassen, ihre Schulden im Mittelmeer versenken und mit der Drachme (es ist ihnen zu wünschen) in 1-2 Jahrzehnten wieder einigermaßen saniert sein. Wir aber werden noch im Nachgang für ihre Schulden aufkommen müssen, wir und unsere Nachkommen.

  • @ Spartakus,
    aus der Frankfurter Rundschau 10.12.2011:
    „Die Zahl der Suizide in Griechenland hat sich zumindest verdoppelt, wenn nicht verdreifacht“, sagte der Psychologe Aris Violatsis der Athener Zeitung „Kathimerini“. Neben den gemeldeten Fällen gebe es noch eine erhebliche Dunkelziffer, betont der Psychologe.

  • @Spartacus
    Hören Sie auf an unser Mitleid zu appellieren, Griechenland ist nicht zu helfen. Wir haben es doch versucht ! b Ein Staat der außer Stande ist Steuern zu kassieren, wo 3600 Personen hohe Steuerschulden haben und man droht seit Monaten Namen derer zu veröffentlichen, die über 150 000 Euro Steuern schulden,
    aber man tut gar nichts. Also muss sich die dort leidende Bevölkerung durchsetzten und nicht hier große Sprüche klopfen !

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%