Politische Morde im Irak
Tod eines Kettenrauchers

Wer auch nur zur Trauerfeier eines aus politischen Gründen ermordeten Freundes erscheint, der lebt im Irak in ständiger Gefahr, selbst als Nächster getötet zu werden. Aufzeichnung eines Irakers aus Bagdad und Umgebung.

BAGDAD. Abu Masin war mit seinen 70 Jahren immer noch ein Kettenraucher, aber kein aktives Parteimitglied mehr. Schon in den letzten Jahren des Regimes von Saddam Hussein ging er in den Ruhestand und hatte nichts anderes zu tun, als vor seinem Haus auf Position zu gehen und, eine Zigarette nach der anderen qualmend, zu beobachten, wer kommt und geht.

Ab und zu wurden die Parteimitglieder in Alarmbereitschaft versetzt. Sie waren ja alle in der sogenannten „Volksarmee“, der Miliz der damaligen „Arabischen Sozialistischen Baath-Partei“, kurz „Baath-Partei“ genannt. Dann nahm Abu Masin die Zigarette nicht mehr in die Hand, sondern ließ sie bis zum Ausbrennen zwischen den Zähnen und Lippen wandern, um mit seinen freigewordenen zitternden Händen nach der Kalaschnikow zu greifen und mit anderen Parteimitgliedern durch das Wohnviertel zu patrouillieren.

Abu Masin musste auch, wie es sich für einen patriotischen Genossen der Baath-Partei gehörte, hier und da einen Bericht über seine Nachbarn schreiben, vor allem über die wenigen, die nicht Mitglied der Partei waren. Das war aber auch schon sein einziges Verbrechen.

Seine Schuld aber war, dass er nicht rechtzeitig vor der US-Invasion die Berichte über die bespitzelten Nachbarn, die noch in den Parteibüros herumlagen, verbrannt hatte.

Die Berichte von Abu Masin kamen in die falsche Hand. Es dauerte nicht lange, da fuhr ein schwarzer Opel vor das Haus, in dem Abu Masin mit seinen Kindern und Enkeln wohnte. Drei bewaffnete Männer in Zivil stiegen aus, der Fahrer blieb sitzen. Einer klingelte und fragte das dreijährige Kind, das zur Gartentür angestolpert kam, ob sein Opa zu Hause sei. Das Kind antwortete: „Ja Onkel, ich rufe ihn gleich.“

Abu Masin kam raus und wurde sofort vor den Augen seines Enkels mit drei Kopfschüssen niedergestreckt. Die Mörder waren nicht vermummt und hatten auch keine Eile, ihren Tatort zu verlassen, nein, sie blieben trotz des Geschreis der über zwanzigköpfigen Verbliebenen des Ermordeten noch über eine halbe Stunde stehen, um zu sehen, wer von den Nachbarn und Freunden des Getöteten hinzukommt, um ihn zu beweinen. Er könnte das nächste Opfer sein. Doch niemand aus der Nachbarschaft kam. Das Hinrichtungskommando machte sich gelassen davon.

Das letzte Geleit konnten die Nachbarn Abu Masin nicht geben. Denn sie hatten Angst, beobachtet zu werden, wenn sie an der Trauerfeier eines aus vordergründig politischen Motiven ermordeten Nachbarn oder Freundes teilnehmen. Dies könnte jeden von ihnen des Verdachts aussetzen, auch Baathist gewesen zu sein. Und damit wären die Tage dieser Person gezählt.

Abu Masin war nicht das einzige Mitglied der gestürzten Baath-Partei, das zu dem großen Heer der Mitläufer zählte. Viele Iraker waren in die Baath-Partei eingetreten, um entweder beruflich aufsteigen zu können oder zum Studium zugelassen zu werden oder sich einfach etwas Respekt zu verschaffen. Zu der zuletzt genannten Gruppe gehörten die Ärmsten der Armen, die erkannt hatten: Wenn ich nur nachplappere, was der Führer von sich gibt, dann kann ich in der Partei aufsteigen und es zu etwas bringen.

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