Politischer Gastkommentar: Der arabische Bildersturm

Politischer Gastkommentar
Der arabische Bildersturm

Im Karikaturenstreit prallen zwei grundsätzlich unterschiedliche Lebenswelten aufeinander. Für die Meinungsfreiheit zu plädieren und gleichzeitig die Verletzung der Gefühle von religiösen Menschen abzulehnen, stößt in der islamischen Welt auf wenig Verständnis. Der Grund ist denkbar einfach, meint der Politikwissenschaftler Ferhad Ibrahim.

DÜSSELDORF. Die Proteste gegen die Karikaturen in einer dänischen Zeitung haben mittlerweile die gesamte islamische Welt von Indonesien bis in die Türkei erfasst. Dabei hat die Affäre viele Facetten. Und auch die Positionen in der westlichen Welt differieren stark. Neben den Verfechtern der absoluten Meinungsfreiheit geben einige Akteure, allen voran die USA, dem Respekt des religiösen Glaubens die höhere Priorität. Dennoch ist es so, dass alle Akteure in der westlichen Welt die Freiheit als ein fundamentales Grundelement der abendländischen Zivilisation betrachten.

Gleichzeitig zeigen jedoch nicht wenige eine ablehnende Haltung gegenüber den Bildern, die die Gefühle gläubiger Menschen verletzen. Gerade dieser Umstand, für die Meinungsfreiheit zu plädieren und gleichzeitig die Verletzung der Gefühle von religiösen Menschen abzulehnen, stößt jedoch in der islamischen Welt auf wenig Verständnis.

Die politischen Systeme der arabischen Welt beruhen auf autoritären Strukturen; die Zivilgesellschaft ist wenig ausgebildet. Und die freie Meinungsäußerung, die sich in langen Jahrhunderten im Abendland herausgebildet hat, wird in der islamischen Welt entweder nicht verstanden oder ignoriert. Nicht selten, wie bei der gegenwärtigen Affäre, flüchtet man in absurde Verschwörungstheorien und wittert Zionisten hinter den vermeintlichen Angriffen auf den Propheten.

Mehr als eine Position werden auch in der islamischen Welt trotz der Dominanz der radikalen und opportunistischen Regime sichtbar. Eine kleine Minderheit der islamischen Liberalen, die vor allem in elektronischen Zeitungen ihre Ansichten vertreten, machen seit der Eskalation der Affäre darauf aufmerksam, dass das gegenwärtige negative Bild des Islams ein Werk der Fundamentalisten und Dschihadisten ist. Sie prägen durch terroristische Aktionen die Vorstellung von einem gewalttätigen, intoleranten Islam. Selbstmörder und all jene, die Geiseln vor laufenden Kameras Köpfe abschlagen, seien somit primär für das negative Bild des Islams verantwortlich.

Solche Ideen in der Öffentlichkeit zu vertreten ist allerdings nicht ganz ungefährlich. Das als liberal geltende Jordanien ließ beispielsweise den Chefredakteur der Boulevardzeitung „Shihan“ verhaften, weil die Zeitung die Mohammed-Karikaturen abdruckte und dies als einen Beitrag für die Pressefreiheit betrachtete. In Algerien entließ die Regierung die Chefin des französischsprachigen Fernsehens, weil sie zuließ, dass die umstrittenen Bilder gesendet wurden.

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