Politischer Makler
Hoffnung auf Anti-Amerika

Aus dem Europa des Kolonialismus ist der einzige politische Makler geworden, der das internationale System ausbalancieren und humaner gestalten kann. Trotzdem – oder gerade deswegen – vermisst die arabische Welt ehrgeizige europäische Visionen.

KAIRO. Kürzlich habe ich eine E-Mail vom Koordinator einer Bewegung erhalten, die sich „Bürger gegen den Terrorismus“ nennt. Darin bittet er die Mitglieder um kreative Ideen, wie die vor einem Jahr in Madrid gegründete Organisation gestärkt werden könnte. Die Mail spiegelt die Frustration darüber wider, dass es der Bewegung nicht gelungen ist, in südlichen Mittelmeeranrainerstaaten oder den arabischen Ländern einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen.

Die Frustration über die europäisch-arabischen Beziehungen ist heute weit verbreitet, nicht nur bei internationalen Organisationen wie „Bürger gegen den Terrorismus“. Dass sich aber überhaupt viele arabische Menschenrechtsaktivisten und Intellektuelle dieser Bewegung angeschlossen haben, ist schon ein großes Zeichen der Hoffnung. Denn der Kampf gegen den Terror ist nicht gerade ein beliebtes Thema angesichts der Differenzen über die Definition von Terror und der Debatte über die Rechte der Araber und Palästinenser.

Die Tatsache, dass sich viele Araber heute wieder Europa zuwenden, manifestiert die starke Wende, die die Wahrnehmung Europas in der arabischen Welt in den letzten 50 Jahren genommen hat. Ende 1956 zogen Großbritannien und Frankreich ihre Truppen aus Ägypten ab, nachdem sie zuvor versucht hatten, das Land erneut zu besetzen. Araber aller Nationalitäten und Glaubensrichtungen wandten sich während der Suezkrise den USA oder der Sowjetunion zu – in der Hoffnung, diese könnten Ägypten und den Rest der arabischen Welt vor dem europäischen Kolonialismus schützen.

Heute hoffen fast alle arabischen Länder, dass Europa nicht nur ihre eigenen fundamentalen Rechte und Interessen schützt, sondern auch die ganze Menschheit vor dem bewahrt, was viele als irrationalen US-Hegemonismus empfinden. Vereinfacht gesagt ist aus der früheren Bastion des Kolonialismus der einzige politische Makler geworden, der das internationale System ausbalancieren und humaner gestalten kann.

Die europäische Integration beeindruckt die arabische Welt, die verzweifelt versucht, ein existenzfähiges regionales System aufzubauen, in dem sich ihr Verständnis von nationaler Eigenständigkeit und kultureller Homogenität ausdrückt. Angesichts der politischen Krise und der ständigen Rückschläge sehen viele Araber den Ansatz, den die EU für die eigene Integration gewählt hat, als Inspiration.

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