Politischer Standpunkt verschwommen
Paris rätselt über das Phänomen Ségolène Royal

Die Sozialistin Ségolène Royal zieht in französischen Umfragen am populären französischen Innenminister Nicolas Sarkozy vorbei. Danach würden sich 51 Prozent der Franzosen für Ségolène Royal als Präsidentin entscheiden.

PARIS. Ségolène Royal hat in den französischen Umfragen eine neue Hürde genommen. Laut der letzten Umfrage der Zeitschrift „Marianne“ könnte die sozialistische Abgeordnete zum ersten Mal den beliebtesten rechten Politiker Nicolas Sarkozy in die Schranken weisen. Danach würden sich 51 Prozent der Franzosen für Ségolène Royal als Präsidentin entscheiden, damit liegt sie knapp vor Innenminister Sarkozy (49 Prozent). Der 52-jährigen Präsidentin der westfranzösischen Region Poitou-Charentes gelingt es nicht nur, die sozialistischen, sondern auch die Wähler der Mitte für sich einzunehmen. „Ich fühle mich bereit“, sagte sie zum höchsten Amt im Staat.

Ségolène Royal ist eine der schillernsten Persönlichkeiten in Frankreich. Eine attraktive Frau im Chanelkostüm mit einem eisernen Willen. Sogar Konkurrent Sarkozy zeigte sich beeindruckt: „Sie ist jemand, für den ich schon lange Respekt habe.“ Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eine Zeitung versucht, das Geheimnis von Royals Beliebtheit zu ergründen.

„Sie ist unverbraucht, ein Sinnbild der Neuerung, und dazu noch eine Frau“, versucht Winfried Veit, Direktor des Pariser Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung, eine Erklärung. Ségolène Royal sei kein Leichtgewicht, sie habe sich in der Männerdomäne Politik durchgesetzt. Ihre Karriere und vier Kinder, das schaffe nicht jeder. Ihre politische Stärke liegt auch in der Familienpolitik. Sie bringt alles unter einen Hut, verkörpert das Moderne und steht zugleich für konservative Werte wie Familie.

Kritiker werfen ihr jedoch vor, dass sie mehr mit Homestorys als mit Standpunkten auffällt. Weder außen- noch innenpolitisch hat sie bisher Stellung bezogen. Im Parlament hält sie sich zurück, wenn die Linke gegen die rechte Arbeitsmarktpolitik ankämpft, und auf dem Parteitag schwieg sie. Als die Parteispitze den zehnjährigen Todestag von François Mitterrand beging, reiste sie medienwirksam nach Chile und unterstützte Michelle Bachelet im Präsidentschaftswahlkampf.

Doch wer die Umfragen erobert, wird beobachtet. Daher fielen Parteifreunde über sie her, als sie in der „Financial Times“ den liberalen Tony Blair und die Resultate seiner Arbeitsmarktpolitik lobte. Ihr politisches Profil bleibt schwammig. Sie setzt sich für den öffentlichen Dienst ein und wehrt sich dagegen, dass Angestellte einfacher entlassen werden können. Sie distanziert sich von der 35-Stunden-Woche, dem Vorzeigeprojekt der Regierung des Sozialisten Lionel Jospin.

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