Politologe
Städte lösen große Probleme besser als Staaten

New York wählt einen neuen Bürgermeister. Und die Deutschen sollten genau hinschauen, sagt ein US-Politikwissenschaftler. Warum? Weil Städte nicht nur in Zukunft große Probleme besser angehen können – sie tun es längst.
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Berlin/New YorkKrankheiten, Terrorismus, Klimawandel: Die großen Probleme des 21. Jahrhunderts kennen keine Ländergrenzen. Städte und ihre Bürgermeister können sie deswegen viel besser lösen als nationale Regierungen, glaubt der US-amerikanische Politikwissenschaftler Benjamin R. Barber. „Städte haben keine Mauern, sie sind multikulturell, sie bauen auf Netzwerken auf, sie passen viel besser zur modernen Welt“, sagt Barber. Wer in New York zum Bürgermeister gewählt werde, gehe daher auch die Deutschen etwas an.

Warum sollten Menschen in Deutschland sich eigentlich dafür interessieren, wer die Bürgermeisterwahl in New York gewinnt?
Grundsätzlich sind Wahlergebnisse in großen Städten überall auf der Welt extrem wichtig für deutsche Bürger. Was in Städten und zwischen Städten passiert, das ist für andere Städte in vielerlei Hinsicht wichtiger, als was in Washington geschieht. Schließlich geschieht in Washington fast nichts. Mit den echten Problemen wie Einwanderung, Verkehr, Klimawandel, damit befassen sich Städte. Wer New York regiert, ist also wichtig für Deutschland. Aber auch, wer Athen regiert. Es ist auch für Amerikaner wichtig, ob Olaf Scholz oder Klaus Wowereit gewählt werden.

Städte gehen die Probleme an? Und was ist mit den Staaten?
Sie tun nichts, sie sind dazu gar nicht in der Lage. Nationalstaaten wurden vor 400 Jahren erfunden. Staaten sind über ihre Unabhängigkeit definiert. Aber heute gehen die Herausforderungen über Grenzen hinweg - etwa Pandemien wie HIV, der Weltmarkt, Technologien, Terrorismus. Oder der Klimawandel. Er ist das dringendste Problem unserer Tage, aber auf nationaler Ebene bewegen wir uns rückwärts. Städte dagegen machen große Schritte, um den Klimawandel zu bekämpfen. Städte haben keine Mauern, sie sind multikulturell, sie bauen auf Netzwerken auf, sie passen viel besser zur modernen Welt.

Aber institutionalisiert ist ihre Zusammenarbeit doch kaum.
Sie haben natürlich nicht die Macht, weltweite Gesetze zu erlassen. Es gibt Zusammenschlüsse wie den Dachverband United Cities and Local Governments, aber wir haben keine weltweite Versammlung von Städten. In meinem Buch argumentiere ich, dass es eine gute Idee wäre, ein weltweites Bürgermeister-Parlament einzuberufen. Nicht um Gesetze zu erlassen, sondern, damit Bürgermeister zusammenkommen und sich über Erfolgsmethoden austauschen. Viele Bürgermeister interessieren sich dafür. Olaf Scholz in Hamburg, Wolfgang Schuster, der in Stuttgart Oberbürgermeister war, der Mannheimer OB Peter Kurz, sie haben alle mit mir darüber gesprochen.

Sind Bürgermeister denn die besseren Politiker?
Politiker auf nationaler Ebene verstehen sich als Repräsentanten einer nationalen Ideologie oder einer nationalen Partei. Stadt-Politiker sehen sich als pragmatische Problemlöser. Viele fühlen sich nicht an eine Partei gebunden. Der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg war erst Demokrat, dann Republikaner, dann wurde er unabhängig. Selbst wenn Leute einen ideologischen Hintergrund haben, müssen sie als Bürgermeister gemäßigter werden. Ihr Job ist, Probleme zu lösen. Fiorello LaGuardia, der in den 30er Jahren Bürgermeister von New York wurde, hat mal gesagt: Es gibt keine demokratische oder republikanische Art, den Müll aufzusammeln.

Und wer repräsentiert dann die Landbevölkerung?
Vor zwei Jahren gab die UN bekannt, dass über 50 Prozent der Menschen in Städten leben. Im Westen sind es eher 80 Prozent. Wir reden also von einer großen Mehrheit. In den meisten Institutionen sind die ländlichen Regionen derzeit überrepräsentiert. Auf dem Land verwurzelte Parteien wie die Tea Party dominieren die Mehrheit der Städter. Außerdem meine ich mit Städten nicht die alten Stadtgrenzen, ich meine Regionen. Hamburg ist eine Stadt und ein Bundesland. Alle Metropolregionen sind ähnlich aufgebaut.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Politologe: Städte lösen große Probleme besser als Staaten"

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  • Städte lösen große Probleme besser als Staaten
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    Klar doch, sieht man ja am Flughafen von Berlin. Schon toll wie Wowereit das Problem löst!

    Oder könnte es sein, dass der Bürgermeister auch das Problem sein kann?

  • Oha, da haut der gute Mr. Barber aber ganz schön auf die K... und tätschelt dabei noch seine eigene Schulter. Na klar, Großstädter sind die besseren Menschen. Ist er doch selbst einer. Na, ja...
    Dabei mag seine Analyse für die USA noch eher zutreffen als für Deutschland. Hier sind die Unterschiede zwischen Stadt und Land nicht so enorm, die Übergänge häufig fließend. Nicht zuletzt deshalb, weil die Entfernungen geringer sind. Deshalb finden sich bei uns auch viele mittelständische Industriebetriebe in klein- und Mittelstädten. In Amerika gibt es da häufig nur Betriebe, die zum landwirtschaftlichen Bereich gehören.

    Nicht völlig falsch, was in diesem Artikel gesagt wird. Aber nicht so ohne weiteres auf andere Länder zu übertragen. [Auch wenn speziell der Hamburger Bürgermeister da sofort zustimmen wird :)]

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