Polizei räumt Protestcamp
Pariser Nachtwachen als Aufschrei einer Generation

Die Behörden haben den Platz der Republik in Paris geräumt, doch die Demonstranten wollen weiter die Nächte durchhalten. Frankreichs Jugend rebelliert gegen das aus ihrer Sicht blockierte System.

ParisEs scheint etwas in Bewegung auf dem Pariser Platz der Republik. Seit gut eineinhalb Wochen drängen sich Nacht für Nacht Hunderte Menschen auf diesem symbolträchtigen Ort im Herzen der französischen Hauptstadt, diskutieren, feiern, demonstrieren. „Nuit debout“ - Nacht im Stehen - lautet das Motto, und es ist auch als Appell zu verstehen, aufzustehen gegen Missstände im Land. Wohin die spontane Protestbewegung führt, das ist die große Frage dieser Tage in Frankreich.

„Was das auszulösen wird, weiß ich nicht“, sagt der Rentner Laurent, der Sonntagabend „aus Neugier“ das Protestcamp besuchte. „Aber man sieht, dass das Ereignis an Reichweite gewinnt. Und das beginnt, die Politik zu beunruhigen.“

Am Anfang standen die Proteste von Schülern und Studenten gegen die Arbeitsmarktreform der sozialistischen Regierung. Doch auf dem abends zum Bersten vollen Platz wird längst viel breiter diskutiert. In Kleingruppen geht es um die „Panama Papers“, das Klima, das Prostitutionsgesetz. Es sind Szenen, die an Occupy Wall Street erinnern und an die Anfänge der Indignados-Proteste in Spanien.

Es gibt keine Charta, kein Parteiprogramm und keine Anführer. Man möchte sich keine politische Ausrichtung geben, auch wenn die Medien die Bewegung häufig als links deklarieren. Überall äußert sich eine tiefsitzende Unzufriedenheit, sogar Wut auf das politische System Frankreichs.

„Frankreich befindet sich in einem Stadium der Blockade“, sagt ein 38 Jahre alter Komponist, der seinen wahren Namen nicht nennen möchte und sich deshalb als Camille vorstellt. „Ideologisch, kulturell und gemeinschaftlich. Man ist nicht mehr mit den Politikern einverstanden, und wenn man aber mit ihnen nicht mehr einverstanden ist, ist man mit dem System nicht mehr einverstanden.“

Es ist zum Teil auch der Aufschrei einer Generation, die sich ihrer Zukunftschancen beraubt sieht im Land von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, in dem die Jugendarbeitslosigkeit bei fast 25 Prozent liegt. „Hier sind viele Studenten und Schüler, die von den Schulen kommen und keine Arbeit bekommen. Die Leute sehen einer Zukunft entgegen, die nicht existiert“, klagt Camille.

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