Polnische Ärzte, Ingenieure und Techniker zieht es in Richtung Westen – Engpässe in der Versorgung
Die Besten kehren der Heimat den Rücken

Andrzej Wlodarczyk weiß nur zu gut, dass in den Warschauer Krankenhäusern täglich über Emigration diskutiert wird. Als Chef der Bezirksärztekammer hat er durchaus Verständnis für die Kollegen, die von einem Job im Westen träumen. Dort könnten sich junge Ärzte viel leichter spezialisieren, berichtet er.

WARSCHAU. „Außerdem verdienen sie nicht selten das Zehnfache dessen, was sie bei uns bekommen.“ Inzwischen gibt es in Polen mindestens 50 Agenturen, die Ärzte an westliche Krankenhäuser und Praxen vermitteln. Auch Sprachkurse haben sie im Angebot.

Nach Schätzungen der Ärztekammern arbeiten gegenwärtig mindestens 20 000 polnische Mediziner im Ausland. Die Zahl der Krankenschwestern, die im Westen Geld verdienen, dürfte etwa doppelt so hoch sein. Entsprechend dramatisch ist der Mangel besonders in den Krankenhäusern der großen Städte. Die Daheimgebliebenen müssen noch mehr Patienten betreuen und Sonderschichten übernehmen. Aber auch Ingenieure, Techniker und Handwerker haben sich auf den Weg gemacht. Polnische Hausfrauen betreiben private Altenhilfe gerade auch in Deutschland, während ihre Ehemänner als Heimwerker aktiv sind. Mit und ohne Arbeitserlaubnis.

Inzwischen haben Gemeinden aus den neuen Bundesländern nahe der polnischen Grenze begonnen, junge Arbeitnehmer aus Polen abzuwerben. Auch Studenten sind als Hilfskräfte gefragt. So betreibt die Gemeindeverwaltung des Kreises Uecker-Randow ein Informationsbüro im polnischen Stettin, das nicht nur mit Arbeitsverträgen, sondern auch mit billigen Wohnungen für Mieten um 50 Euro pro Monat lockt. „Innerhalb von zwei Wochen haben sich 150 Interessierte bei uns gemeldet“, berichtet eine Mitarbeiterin.

Der Grund für die ungewöhnliche Werbeaktion liegt auf der Hand. In den letzten Jahren sind etwa 20 000 der vordem 100 000 Einwohner aus dem Kreis in Richtung westliche Bundesländer abgewandert. In Polen wiederum treffen solche Offerten gerade bei jungen Leuten auf großes Interesse. Denn dort beträgt die Arbeitslosenrate bei Arbeitnehmern unter 24 Jahren in einzelnen Regionen über 40 Prozent. Und es sind gerade auch qualifizierte Fachkräfte, die händeringend einen Job suchen. Viele Studenten schaffen es nur mit großer Mühe, ihr Studium durch Teilzeitarbeit zu finanzieren.

Einige hunderttausend Polen dürften es in den letzten Jahren geschafft haben, für unterschiedliche Zeiträume Arbeit in Westeuropa zu finden. Zusätzlich zu denjenigen, die dort schon seit zehn oder zwanzig Jahren leben. Genaue Zahlen gibt es allerdings nicht. Kaum Anhaltspunkte bietet das jährliche Kontingent offiziell zugelassener polnischer Bauarbeiter in Deutschland, das gegenwärtig etwa 15 000 beträgt. Dieses Kontingent wird jedes Jahr neu ausgehandelt. Auf jeden Fall ist die ganz große Migrationswelle aus den neuen EU-Ländern wie Polen ausgeblieben, die einige Forschungsinstitute vor Jahren prophezeit hatten.

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