Porträt
Strippenzieher der Europäischen Volkspartei

In der Europäischen Volkspartei bringt Christian Kremer die Stimmen von 74 Mitgliedsparteien aus ganz Europa auf einen Nenner. Der 35-Jährige ist der Strippenzieher im Hintergrund, und am Sitzungstisch der Vermittler, Schiedsrichter und Schlichter.

BERLIN. Grenzübergang, Oktober 1989: „Na dann, schönen Aufenthalt. Bis Weihnachten!“, ruft der Soldat dem 15-jährigen Jungen vom Niederrhein hinterher. Er will ihm Angst einjagen; ihm durch die Blume sagen, dass aus dem Mauerland keiner so schnell wieder rauskommt.

Auf dem Programm von Christian Kremer und seinen Klassenkameraden steht an diesem Tag ,DDR live‘. Ein Tag, der sein Leben verändert. Nach der Schikane an der Grenzkontrolle erlebt er die graue Realität, von der er bisher nur gehört hat: die Trabis, die Plattenbauten, die Gesichter. Jetzt kann er verstehen, warum es Montagsdemonstrationen gibt, warum die Menschen gegen das SED-Regime rebellieren. Frieden und Freiheit – er hat es, andere nicht.

„Ich habe an diesem Tag begriffen, was das System wert ist, in dem ich lebe, und angefangen, mich für Politik zu interessieren“, erinnert sich Kremer. Einen dicken Papierstapel vor der Nase sitzt er fast zwanzig Jahre später in Anzug, Hemd und Krawatte an seinem Schreibtisch in Brüssel. Es ist ein Büro wie jedes andere, wenn da nicht die Fahne hinter ihm wäre. Ohne Wind hängt sie in Wellen an ihrem Mast herunter, und doch leuchten im blauen Stoffmeer die goldenen Sterne. Die Europaflagge, das Symbol für die Europäische Union; die für den 35-Jährigen seit der EU-Ost-Erweiterung am 1. Mai 2004 – „dem Ende der Teilung Europas“ – vor allem für „Frieden, Freiheit und Wohlstand von knapp 500 Millionen Menschen“ steht.

Kremer arbeitet als Angestellter für die Europäische Volkspartei (EVP), die Vereinigung von 74 christlich-demokratischen und konservativen Parteien Europas. Nach dem Generalsekretär Antonio López-Istúriz ist er der wichtigste Mann im 19-köpfigen EVP-Sekretariat, das den Parteiapparat organisiert. Da sein Chef im Europäischen Parlament sitzt, ist Kremer als Stellvertreter doppelt gefordert. Er ist für „alles Inhaltliche“ zuständig; für sämtliche Dokumente, die in Arbeitsgruppen entworfen und den Mitgliedsparteien auf Gipfeln und Kongressen zum Beschluss vorgelegt werden. Das ist mehr als „nur schöne Papierchen schreiben“, wie er ab und an zu hören kriegt. Er ist der Strippenzieher im Hintergrund, und am Sitzungstisch der Vermittler, Schiedsrichter und Schlichter.

Kein leichter Job – in der EVP prallen allein in den EU-Gründungsländern so unterschiedliche Positionen aufeinander wie die der CDU von Angela Merkel und der Forza Italia von Silvio Berlusconi. Weitere Brandherde: die Diskussion über die Aufnahme der türkischen Regierungspartei AKP, die Beobachterstatus hat, sowie der kürzlich angekündigte Austritt der EU-skeptischen britischen Konservativen und der tschechischen Regierungspartei ODS aus der EVP/ED-Fraktion. Die Fraktion, in der neben Mitgliedern der EVP auch solche der Europäischen Demokraten sitzen, ist mit 288 von 785 Abgeordneten stärkste Kraft im Europäischen Parlament. Es folgt die Fraktion der Sozialdemokratischen Partei Europas (SPE) mit 217 Sitzen.

Gibt es einen ersten Entwurf für ein EVP-Dokument, landet jeder einzelne der 100, 200 oder 300 Änderungsanträge der Mitgliedsparteien auf Kremers Schreibtisch. Ganze 377 Stück waren es beim Programm für die Europawahl am 7. Juni, das letzte Woche auf dem EVP-Kongress in Warschau verabschiedet wurde. Die Iren etwa pochten auf das Thema Werte, die Belgier auf höhere Klimaschutzziele. Kremer kennt Geschichte und Tradition jeder Mitgliedspartei und hat ein feines Gespür dafür, welcher Antrag „neben der Spur“ ist und welcher Konfliktpotenzial birgt. Schließlich ist er schon zehn Jahre im Geschäft – so lange wie kein anderer seiner Kollegen im EVP-Sekretariat. Zwei Sitzungstage hat er über Sätze, Wörter und einzelne Buchstaben diskutiert, um die Zahl der Anträge vor dem Kongress auf ein Minimum zu reduzieren. Ein diplomatischer Kraftakt, der für Kremer aber substanziell ist. „Früher haben die Europäer Kriege gegeneinander geführt. Da sind mir lange Sitzungen, in denen um Kompromisse gerungen wird, lieber“, sagt er.

Die Erfahrung ist Kremer nicht anzusehen. Der leichte Rotstich im Haar, die schmalen Lippen und der helle Teint lassen ihn jünger aussehen, als er ist – fast ein wenig knabenhaft. Man könnte ihn glatt unterschätzen, aber: „Seine Sitzungen hat er absolut im Griff. Er ist immer im Thema, er bereitet sich gut vor“, sagt Ingrid Goossens. Sie leitet das Büro des EVP-Präsidenten und kennt Kremer schon seit Jahren. Mit ihm zu streiten sei fast unmöglich. Egal wie sehr eine Mitgliedspartei auf ihrem Standpunkt beharre: Kremer wüte nicht, er tobe nicht. Er höre ruhig zu und nehme sich Zeit, auf jeden Antrag einzugehen. „Er ist eine warme, menschliche Persönlichkeit – loyal und geduldig. Das ist selten in der Politik“, weiß Goossens. Und wann reagiert er sich mal ab? „Auf dem Fahrrad“, sagt Kremer. Vor einiger Zeit ist er vor dem Verkehrschaos in Brüssel geflüchtet und aufs Land gezogen. „Jetzt fröne ich am Wochenende dem belgischen Volkssport und radele über die Straßen Flanderns.“

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