Porträt von Zoran Djindjic
Philosoph mit Hang zur Macht

Zoran Djindjic war ein kühler Denker und Machtpolitiker. Dem Bild eines promovierten Philosophen entsprach der Politiker, der sich selbst als Abenteurer bezeichnete, kaum. Doch Djindjic war die tonangebende Figur der Reformer im früheren Jugoslawien und in Serbien.

BELGRAD. Der 50-Jährige hat selten ein Blatt vor den Mund genommen und sich auf diese Weise viele Feinde gemacht – von Kreisen um den früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic über das organisierte Verbrechen bis zu früheren politischen Verbündeten.

Djindjic war der mächtige Drahtzieher im Hintergrund. Seit 1994 war er Vorsitzender der Demokratischen Partei Serbiens (DS), die heute wichtigste Kraft des Regierungsbündnisses DOS ist. Später war er an fast allen erfolgreichen oder gescheiterten Bündnissen der Opposition, an Wahlboykotts und -beteiligungen sowie an erfolgreichen oder missglückten Straßenaktionen beteiligt. Am Abgang von Milosevic im Herbst 2000 hatte Djindjic, Chef der damals als Oppositionsbündnis fungierenden DOS, als führender Organisator des Umsturzes vom 5. Oktober 2000, aber auch als Verhandler hinter den Kulissen wesentlichen Anteil. Er war verheiratet und Vater zweier Kinder.

Sein politisches Talent, verbunden mit analytischer Schärfe, war anerkannt, er war zudem ein eloquenter Redner und beherrschte mehrere Fremdsprachen. Aus seiner Zeit als Student bei Jürgen Habermas in Frankfurt und später als Geschäftsmann kannte Djindjic den Westen. Seine Doktorarbeit schrieb er an der Universität Konstanz über Marx’ kritische Gesellschaftstheorie. In Deutschland war der weltoffene Offizierssohn, der fast akzentfrei Deutsch sprach, beliebter Gast von Regierung und Managern, was er besonders bei Wirtschaftskongressen wie auf den Weltwirtschaftsforen in Davos und Salzburg ausgiebig genoss.

Die Annäherung des Balkans an den Westen war eine seiner elementaren Forderungen. „Ohne den Balkan ist Europa nicht vollständig, und ohne Europa ist der Balkan eine Zeitbombe, die alle fünf Jahre explodiert“, sagte er einmal. In Serbien selbst brachte ihm seine Westpolitik vor allem Misstrauen ein.

Wohl kein Aktivist der ehemaligen Opposition gegen Diktator Milosevic hatte so viel politische Erfahrung gesammelt wie Djindjic. Er kannte Serbien und die Serben sehr genau und erprobte nahezu alle taktischen Raffinessen der politischen Auseinandersetzung. Dazu gehörten auch fragwürdige Kontakte wie etwa 1995 zu dem mutmaßlichen bosnisch-serbischen Kriegsverbrecher Radovan Karadzic, als dieser wegen des Dayton-Friedensabkommens für Bosnien-Herzegowina 1995 in Widerspruch zu Milosevic geriet. Djindjic rechtfertigte sich damit, man habe möglichst viele Verbündete gegen den übermächtigen Milosevic gebraucht.

Die von ihm geführte Regierung hat seit ihrem Amtsantritt im Januar 2001 ein ganzes Bündel von Reformgesetzen gerade in den Bereichen Wirtschaft und Finanzen auf den Weg gebracht. Weniger erfolgreich war sie bei der Reform des politischen Systems, beim Aufbau von Institutionen, die modernen rechtsstaatlichen Grundsätzen genügen. Gerade wegen seiner konsequenten Reformpolitik war Djindjic die letzten beiden Jahre immer weniger populär als etwa der frühere jugoslawische Präsident Vojislav Kostunica.

Bis zu seinem Tod behaupteten seine politischen Gegner, Absprachen mit den Sicherheitsdiensten anlässlich des Umsturzes am 5. Oktober 2000 hätten Abhängigkeiten geschaffen, die Djindjic von einer durchgreifenden Säuberung dieser Einrichtungen abhielten. Wiederholt hatte er sich in den letzten zwei Jahren bemüht, seinen persönlichen Einfluss auf die inneren Strukturen der Polizei auszudehnen. So gelang es ihm, den serbischen Staatssicherheitsdienst unter seine direkte Kontrolle zu bringen. Immer prägte ihn eine gewisse Hast in dem Wissen, nicht sehr viel Zeit für die demokratische, rechtsstaatliche und marktwirtschaftliche Reform Serbiens zu haben.

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