Portugals Kommunisten trauern um Alvaro Cunhal
„Europas letzter Stalinist“ ist tot

Der langjährige Parteichef der portugiesischen Kommunisten (PCP), Alvaro Cunhal, ist tot. Der „letzte Stalinist Europas“, wie Medien den Politiker nannten, starb im Alter von 91 Jahren. Dies teilte die Partei gestern mit. Cunhal hatte 74 Jahre lang für seine Ideale gekämpft und hielt ungeachtet der Reformbestrebungen von Kommunisten in anderen europäischen Ländern am Kurs der Sowjetunion fest

HB/scm MADRID. Während der faschistischen Diktatur unter António de Oliveira Salazar, der von 1932 bis 1968 regierte, landete Cunhal mehrmals im Gefängnis. Aber auch Jahre der totalen Isolation konnten seinen Willen nicht brechen. Allerdings lernte er im Laufe der Zeit die Demokratie immer mehr schätzen und setzte sich schließlich für ihre Erhaltung ein.

Der amtierende PCP-Chef Carlos Brito nannte den Verstorbenen gestern einen „Vollblut-Revolutionär“. Der Gründer der sozialistischen Partei (PS) und frühere Premier Mario Soares bezeichnete ihn als „einen großen Kämpfer gegen den Faschismus“. Tatsächlich liest sich Cunhals Biographie wie ein Abenteuerroman. Nach elf Jahren hinter Gittern gelang ihm 1960 mit anderen kommunistischen Parteigenossen die Flucht aus dem Gefängnis, die ihn schließlich weiter in Exil nach Paris und dann nach Moskau führte.

Erst vier Tage vor dem Ende der Diktatur kehrte er am 25. April 1974 in seine Heimat zurück. Während der so genannten Nelkenrevolution – dem Militärputsch, der dem Terrorregime von Salazars Nachfolger Marceloa Caetano ein Ende setzte – versuchte die neu gegründete PCP Einfluss zu gewinnen, was aber eher zur Fraktionierung der Bewegung beitrug. Die Hoffnung, aus Portugal einen Staat nach kommunistischen Idealen machen zu können, musste Cunhal als Generalsekretär der Partei bald begraben.

Sein größter Widersacher war dabei der Führer der portugiesischen Sozialisten (PS), Vasco Goncalves, der am vergangenen Samstag im Alter von 83 Jahren starb. Der ehemalige General, der eine entscheidende Rolle bei der Nelkenrevolution gespielt und die Hinwendung des Landes zur Demokratie gefördert hatte, stellte die ersten Übergangsregierungen und gewann die ersten freien Wahlen in Portugal im Jahr 1975. Die PCP war zwar an den Übergangsregierungen beteiligt, doch Cunhal konnte seine Ideale nicht vollständig umzusetzen. Goncalves, der sich selbst als Marxist bezeichnete, verwirklichte aber einen Teil der Ziele, für die auch die Kommunisten standen – so etwa die Renationalisierung von Banken und Versicherungen. Diese Politik fand jedoch keine breite Unterstützung im Volk, und die Nähe zur PCP brachte Goncalves dann zu Fall.

Der Ex-Regierungschef wie auch Cunhal waren aber bis ins hohe Alter der Meinung, dass die Welt heute besser wäre, wenn sie den kommunistischen Idealen gefolgt wäre. Cunhal verbrachte seine letzten Lebensjahre vor allem mit Kunst und Literatur. Er malte und schrieb unter dem Pseudonym Manuel Tiago zahlreiche Erzählungen.

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