Präsident Kirchner schließt Umschuldungsaktion erfolgreich ab: Argentinien feiert das Ende der Krise

Präsident Kirchner schließt Umschuldungsaktion erfolgreich ab
Argentinien feiert das Ende der Krise

Auf diesen Moment hatte Argentiniens Präsident Nestor Kirchner lange hin gearbeitet: „Unter großen Mühen hat unser Land den Zustand der Zahlungsunfähigkeit beendet“, sagte Kirchner vor dem Kongress. Rund 75 Prozent der privaten Gläubiger haben nach seinen Angaben auf einen Großteil ihrer Forderungen verzichtet. Genaue Zahlen sollten noch am Donnerstag veröffentlicht werden, aber die kritische Masse für eine erfolgreiche Umschuldung ist offenbar erreicht.

BUENOS AIRES. Dennoch befürchten Ökonomen, dass die Umschuldungsaktion Argentiniens Ruf an den Kapitalmärkten massiv beschädigt hat – ohne die strukturellen Probleme zu beheben. Dagegen verweisen Optimisten auf den Fall Russland, dass nach dem Rubelkrach und Default 1998 den Ruf des Parias auf den Finanzmärkten längst wieder abgelegt hat.

Argentinien hatte in der schwersten Wirtschaftskrise seiner Geschichte Ende 2001 den Staatsbankrott erklärt und die Schuldentilgung ausgesetzt. Es war der größte Zahlungsausfall eines Staates in der neueren Geschichte. Die Inhaber der Anleihen erhalten seitdem weder Zins- noch Tilgungszahlungen. Unter starkem Druck überzeugte das Land seine Privatgläubiger, alte Anleihen durch neue mit geringerem Wert, niedrigeren Zinszahlungen und längeren Laufzeiten zu ersetzen. Im Endeffekt verzichten die Gläubiger dadurch auf rund zwei Drittel ihrer Forderungen über 80 Mrd. Dollar. Zum Vergleich: Die privaten russischen Gläubiger waren mit einem Verzicht von rund 40 Prozent davon gekommen.

Nun kann Argentinien die Gespräche mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über neue Kreditabkommen wieder aufnehmen. Zeigt sich der IWF gnädig, stünde Argentiniens Wiederaufnahme in das internationale Finanzsystem nichts mehr im Wege. Dies ist gerade für die Privatwirtschaft entscheidend, die stark unter der Kreditdürre der letzten Jahre litt.

Der IWF und private Gläubiger hatten vor drei Jahren den Geldhahn abrupt abgedreht. Dann kollabierte das lokale Finanzsystem und damit die langjährige 1:1-Bindung des Pesos an den Dollar. Die folgende Abwertung war traumatisch, denn die Wirtschaft war zu einem hohen Grad „dollarisiert“. Fast alle Verträge, von Privatisierungsverträgen des Staates bis hin zu Mietverträgen mussten annulliert werden. Viele Unternehmen mit Devisenschulden im Ausland meldeten Konkurs an. Die Arbeitslosigkeit schnellte hoch, die Armutsquote stieg auf über 50 Prozent.

Seitdem hat sich viel verändert, doch die Grundprobleme bleiben. Institutionen wie Justizwesen oder Zentralbank sind schwach. Unternehmer und Investoren mahnen die mangelnde Rechtssicherheit an. Zudem schreckt Kirchners interventionistische Wirtschaftspolitik ab. Und dennoch wurden die pessimistischen Erwartungen widerlegt. „Argentinien kehrte schneller zum Wachstum zurück als erwartet“, urteilt der IWF jetzt in einer Lateinamerika-Studie. Nach Wachstumsraten von fast zehn Prozent schätzt die Dresdner Bank Lateinamerika das Plus für 2005 auf sechs Prozent. „Wachstumshemmende Kapazitätsengpässe sind bislang überraschenderweise kaum auszumachen“, sagt Günther Köhne von der Dresdner Bank.

Ähnlich wie Russland verdankt Buenos Aires den Boom auch den hohen Rohstoffpreisen. Satte Exportsteuereinnahmen sorgen für volle Staatskassen. Das Geld nutzt die Regierung für öffentliche Investitionen in beschäftigungsintensive Sektoren. Dieses Jahr sollen die Investitionen für Infrastrukturprojekte erneut um 51 Prozent steigen.

Die Wirtschaft läuft so gut, dass sich erste Beobachter Sorgen machen, die Zahlungsunfähigkeit und der enorme Forderungsverzicht könnten Schule machen bei anderen Emerging Markets. Argentinien setze einen gefährlichen Präzedenzfall, warnt Walter Molano von BCP Securities: „Die scheinbare Lektion der argentinischen Schuldenrestrukturierung ist, dass Regierungen ihren Gläubigern willkürlich die Bedingungen aufzwingen können, unabhängig von ihrer Zahlungskapazität.“

Doch selbst Argentiniens Wirtschaftsminister Roberto Lavagna gibt zu, dass das Land mit der rüden Behandlung der Investoren sein Image im Ausland vorerst verspielt hat. „Wurden wir früher als Modellland angesehen, so gelten wir nun als unfolgsame Schüler“, sagte Lavagna.

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin
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