Präsident nicht bei G8
Uiguren-Unruhen bremsen Chinas Weltpolitik aus

Die blutigen Unruhen haben erste Auswirkungen auf Chinas Weltpolitik: Noch vor Beginn des G8-Gipfels in Italien reiste der chinesische Staatspräsident Hu Jintao ab. Chinas oberster Führer sei wegen der Ereignisse in der Uiguren-Provinz Xinjiang auf die Heimreise, meldete die staatliche chinesische Nachrichtenagentur am Mittwochmorgen.

PEKING. Unklar blieb, Hu Jintao in die Krisenregion fliegen wird. Spekuliert wurde, dass er am Abend (Ortszeit) an einer Pressekonferenz in Urumqi teilnehmen könnte. Die Pressekonferenz war eigentlich am Vormittag angesetzt, wurde aber verschoben. Dort blieb die Lage am Mittwoch nach augenzeugenberichten weitgehend ruhig, aber angespannt. In der Nacht zum Mittwoch hatten die Behörden eine Ausgangssperre in der Hauptstadt Urumqi verhängt, nachdem es bei Ausschreitungen von Uiguren nach offiziellen Angaben 156 Tote und rund 1000 Verletzte gegeben hatte.

Offenbar fürchtet Peking, dass es zu neuen Agressionen in der Region kommen könnte. In Internetforen entlädt sich bereits offener Hass. Allerdings werden bei den großen Web-Portalen wie Sina.com und Sohu.com keine Kommentare erlaubt, berichten Internetnutzer. Uiguren beklagen im Internet, dass sie von den Han-Chinesen, die mehr als 90 Prozent der Bevölkerung ausmachen, in ihrer Heimat unterdrückt und an den Rand gedrängt werden.

Inzwischen macht sich aber auch unter Han-Chinesen offener Unmut breit. "Wie kann die Polizei unseres Landes beim Schutz unserer Landsleute so versagen?", fragt etwa ein Schreiber bei Baidu.com. "Wir Han-Chinesen sollten uns vereinigen und für unser Land aufstehen!"

Am Dienstag hatten bereits mehrere Tausend mit Knüppeln bewaffnete Han-Chinesen versucht, in die von Uiguren bewohnten Stadtteile vorzudringen. "Sie haben uns angegriffen, jetzt ist es Zeit zurückzuschlagen", skandierten die meist jungen Chinesen. Offizielle der Partei in Urumqi sollen laut Agenturen versucht haben, die Chinesen zu beruhigen. Die Gruppe konnte aber nur von einem massiven Polizeiaufgebot und mit Einsatz von Tränengas zurückgedrängt werden.

Die chinesische Führung fürchtet nach Ansicht von politischen Beobachtern eine zu starke nationalistische Bewegung, die sich radikalisieren und auch gegen die eigene Partei und die Pekinger Regierung richten könnte. Zudem wolle Hu Jintao mit seiner raschen Rückreise zeigen, dass man sich um die internen Probleme des Landes kümmere und alles im Griff habe.

Die Krise dürfte aber nicht so schnell vorbei sein, meinen Analysten. Keine Seite der ethnischen Gruppen werde schnell beigeben, glaubt etwa der China-Experte Jonathan Fenby in London: "Die Prognose heißt eher weitere Unruhen."

Am Mittwoch war die Situation in Urumqi jedoch weitgehend ruhig, berichtete ein Augenzeuge dem Handelsblatt. Die Polizeipräsenz und die Ausgangssperre habe erste einmal Ruhe einkehren lassen. In der Stadt sind nach offiziellen Angaben 20 000 Spezialkräfte im Einsatz.

Die Polizei hat bisher 1400 Verdächtige festgenommen, melden Chinas Staatsmedien. Bislang gibt es keine Angaben der Behörden, warum trotz der hohen Polizeipräsenz so viele Opfer möglich waren. Ein Sprecher des Außenministeriums in Peking gab auch keine Details über die Todesursachen und über die Zugehörigkeit der Todesopfer.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte angekündigt, dass sie am Rande des G8-Gipfels mit Präsident Hu über die Unruhen in China sprechen wollte. Dieses Treffen findet nun nicht statt. China wird auf dem G8-Gipfel von dem Regierungsmitglied Dai Bingguo vertreten.

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