Präsidentenwahl in Chile
Rechte Wende links hinten in Südamerika

In Chile findet am Sonntag die Präsidentenwahl statt. Der konservative Staatschef scheint auf dem Weg zurück ins Präsidentenamt. Aber nur etwa die Hälfte der Chilenen interessiert sich für die Abstimmung.
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Santiago de ChileDie Kandidatin gerät bei ihrem Marathon ins Schwitzen. Beatriz Sánchez herzt, lacht und umarmt im Sekundenrhythmus. Es sind noch wenige Tage bis zur Präsidentenwahl in Chile am 19. November, und die Kandidatin des Linksbündnisses „Frente Amplio“ kämpft auf einem Wochenmarkt im Mittelklasse-Stadtteil Peñalolén in Santiago um die letzten Stimmen.

„Wir verdoppeln den Bildungshaushalt“, ruft sie den Käufern zu. „Wählen gehen“, fordert sie Standinhaber auf. Sánchez weiß, dass ihr und ihrer neuen Partei nur eine hohe Wahlbeteiligung noch helfen kann, um in die Stichwahl zu kommen. Die Umfragen sehen die frühere Journalistin, die erst seit zehn Monaten Politikerin ist, mit rund 8,5 Prozent auf dem dritten Platz. Vor ihr liegt Alejandro Guillier von der regierenden Mitte-links-Koalition „Nueva Mayoría“. Für ihn wollen 19,7 Prozent der Chilenen stimmen.

Einsam davor seine Kreise zieht ein alter Bekannter, Sebastián Piñera. Der Unternehmer und siebtreichste Mensch Chiles war schon von 2010 bis 2014 Staatschef. Ihm sagen die Meinungsforscher 44,4 Prozent der Stimmen voraus. Es scheint also am Sonntag nur um die Frage zu gehen, ob der konservative Milliardär schon jetzt die 50-Prozent-Hürde nimmt oder in die Stichwahl am 17. Dezember muss.

Vor ein paar Monaten sah das noch ganz anders aus. Da schien die „Frente Amplio“ (Breite Front) noch zur großen Überraschung in der Lage. Zeitweise lag Sánchez mit ihrer Koalition aus zwölf Parteien und sozialen Organisationen auf dem zweiten Platz der Umfragen. Aber zur verfliegenden Anfangseuphorie kamen interne Streitigkeiten. Zudem nehmen sich sechs Mitte-links oder Linkskandidaten im Feld der acht Bewerber gegenseitig die Stimmen weg. Bis auf Sánchez jedoch wird keinem ein Resultat jenseits der fünf Prozent zugetraut.

In Chile haben die Menschen, die sich überhaupt für Politik interessieren, die Nase von der regierenden Koalition voll. Staatschefin Michelle Bachelet („Nueva Mayoría“) hat in ihrem zweiten Mandat die Quadratur des Kreises versucht und ist dabei gescheitert. Sie ging mit einer Mehrheit im Kongress die Strukturreformen an, die die wirtschaftlichen und sozialen Altlasten der Pinochet-Diktatur abschaffen sollten. Bachelet wollte das Bildungssystem weitgehend kostenfrei stellen, die Hauptforderung der großen Studentenproteste von 2011. Sie hat eine Steuer- und Arbeitsmarktreform angeschoben und ein gerechteres Wahlrecht geschaffen. Und in dem Land, in dem bis 1999 Homosexualität noch ein Straftatbestand war, sind jetzt gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften legalisiert.

Dem einen gingen die Reformen nicht weit genug, den anderen sind sie des Teufels. Alles, was die Rolle des Staates in Bildung, Wirtschaft und Gesundheit erhöht, ist für viele Menschen in dem konservativen Land zwischen Anden und Pazifik die Vorstufe zum Kommunismus.

Hinzu kam gleich zu Beginn ihrer Amtszeit ein Korruptionsskandal um ihren Sohn, der zeitweise auch ihr Berater war. „Dadurch hat die Präsidentin ganz früh Glaubwürdigkeit und Vertrauen verspielt, die ihr größtes Kapital waren“, sagt Claudio Fuentes, Politologe an der Universität Diego Portales. Und letztlich stand Bachelet auch die Konjunktur nicht zur Seite. In ihrer Amtszeit sackte das Wachstum der südamerikanischen Vorzeigeökonomie auf zwei Prozent durchschnittlich ab, weil die Weltmarktpriese für Kupfer, das mit Abstand wichtigste Exportprodukt Chiles, in den Keller gingen.

„Hier haben viele den Eindruck, dass Bachelet für die Reformen das Wachstum, den Ausbau der Infrastruktur und die öffentlichen Dienstleistungen geopfert hat“, sagt der Politik-Berater Eugenio Tironi. Und so geht die Frau, die laut der Zeitschrift „Forbes“ die einflussreichste Lateinamerikas ist, mit einer extrem niedrigen Zustimmungsrate von nur noch 20 bis 25 Prozent. Als sie 2010 ihre erste Amtszeit beendete, waren noch 80 Prozent der Chilenen mit Bachelets Arbeit zufrieden gewesen. Und nun wechseln sie auf die scheinbar sichere Seite. Piñera trauen die Menschen die Ankurbelung der Wirtschaft und die Schaffung von Arbeitsplätzen zu.

Allerdings: Mindestens die Hälfte der Chilenen interessiert alles das überhaupt nicht. Wahlforscher fürchten, dass die Beteiligung an einer Präsidentenwahl am Sonntag erstmals überhaupt unter 50 Prozent rutschen könnte. „Es gibt fast eine verlorene Generation von jungen Chilenen, die entweder das System ablehnen oder so merkantilistisch auf das eigene Fortkommen programmiert groß geworden sind, dass ihnen egal ist, wer im Präsidentenpalast sitzt,“ sagt Claudio Fuentes.

Genau diese Masse hat auch Kandidatin Sánchez auf der Zielgerade des Wahlkampfs im Blick. Immer wieder richtet sie sich auf dem Wochenmarkt vor allem an die jungen Menschen. „Geht am Sonntag wählen, es geht um Eure Zukunft, Ihr habt es in der Hand“, predigt die Kandidatin der „Frente Amplio“.

Klaus Ehringfeld
Klaus Ehringfeld
Handelsblatt / Korrespondent

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