Präsidentenwahl in Chile
Südamerika rückt weiter nach links

Die Sozialistin Michelle Bachelet hat am Sonntag die Stichwahl um das Präsidentenamt in Chile gewonnen. Das wird besonders einem nicht schmecken: US-Präsident George W. Bush. Denn mit ihrem Sieg wird der Linksruck in Lateinamerika zementiert.

HB SANTIAGO. Wie der Venezolaner Hugo Chávez, der Brasilianer Luiz Lula da Silva, der Uruguayer Tabaré Vásquez, der Argentinier Néstor Kirchner und der Bolivianer Evo Morales hat auch die frühere Kinderärztin sich vor allem die Ausmerzung der Nöte der Armen, der Minderheiten und Benachteiligten auf die Fahnen geschrieben. „In Lateinamerika findet ein Aufstand gegen die Not statt“, sagt der frühere spanische Ministerpräsident Felipe González, der Bachelet in Santiago unterstützte. Die Politik Washingtons werde so zurückgewiesen.

Anders als die meisten ihrer ideologischen Freunde ist Bachelet aber keine Populistin. Sie strebt weder eine politische noch wirtschaftliche, allenfalls eine kulturelle Revolution an. Deshalb geht sie aber nicht auf Distanz zu den künftigen Amtskollegen – ganz im Gegenteil. „Ich bin gegen diese Dämonisierung der Entwicklung in Lateinamerika. Es gibt keine Achse des Bösen hier“. Die Drohung komme nicht von diesen demokratisch gewählten Politikern, so Bachelet, „sondern von der Armut, der mangelhaften Integration der Ureinwohner, von Drogenhandel und Völkerwanderungen“, versichert sie.

Gegen die 54-Jährige war der konservative Geschäftsmann Sebastian Pinera angetreten, der noch am Sonntagabend seine Niederlage einräumte. Bachelet kam nach Auszählung fast aller Stimmen auf 53,5 Prozent. Der scheidende populäre Amtsinhaber Ricardo Lagos, der aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht erneut antreten durfte, gratulierte seiner Nachfolgerin und sprach von einem historischen Wahlsieg. Lagos hatte Bachelet im Jahr 2000 zur Gesundheitsministerin ernannt und zwei Jahre später zur Verteidigungsministerin.

Die Regierungskandidatin ist die Tochter eines Generals, der sich gegen den Putsch Augusto Pinochets im Jahr 1973 stellte und gefoltert wurde. Er starb in Haft an einem Herzanfall, der nach Bachelets Worten auf die Folter zurückzuführen war. Michelle Bachelet wurde nach dem Putsch gemeinsam mit ihrer Mutter vorübergehend inhaftiert. Später lebte sie mehrere Jahre im Exil, unter anderem auch in der früheren DDR.

Bachelet ist nach Violeta Chamorro (Nicaragua) und Mireya Moscoso (Panama) erst die dritte Frau, die in einem lateinamerikanischen Land direkt ins Präsidentenamt gewählt wurde.

Seite 1:

Südamerika rückt weiter nach links

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%