Präsidentenwahl in Österreich
Der „Kretschmann-Effekt“

Sechs Kandidaten treten an – die Präsidentenwahl in Österreich gilt als Stimmungstest. Das Flüchtlingsthema spaltet das Land und zeigt: In der Brust der Österreicher wohnen zwei Seelen.

WienSo lang war der Stimmzettel in Österreich seit mehr als 60 Jahren nicht mehr, als in Österreich erstmals ein Bundespräsident per Volkswahl bestimmt wurde. Zwischen insgesamt sechs Kandidaten können sich die Bürger am 24. April per Direktwahl entscheiden. Erstmals in der Geschichte der Zweiten Republik könnten dabei die Vertreter der etablierten Regierungsparteien schon vor der Stichwahl aus dem Rennen ausscheiden. Denn die besten Chancen in die Hofburg einzuziehen, werden dem ehemaligen Grünen-Chef Alexander Van der Bellen eingeräumt.

Seit Monaten sehen alle Umfragen den 72-jährigen Wirtschaftsprofessor an der Spitze. Van der Bellen punktet mir seinem ruhigen, sachlichen Auftreten weit über die grüne Kernwählerschaft hinaus. Meinungsforscher Peter Hajek sieht Ähnlichkeiten mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann: „Es gibt mehrere Parallelen.“ Beide treten wertkonservativ, bodenständig und pragmatisch auf.

Van der Bellen denkt lange nach bevor er antwortet, setzt nicht auf Populismus und gilt als authentisch. Der passionierte Raucher tritt zwar als unabhängiger Kandidat an, hat aber die Unterstützung der Grünen hinter sich. Als „Etikettenschwindel“ kritisieren das seine Gegner. Von 1997 an war er elf Jahre Grüner Obmann.

Für Aufsehen sorgte Van der Bellen, als er ankündigte, er werde im Falle seiner Wahl zum Bundespräsidenten den Chef der rechten FPÖ, Heinz-Christian Strache, nach dessen möglichen Wahlsieg bei den nächsten Parlamentswahlen nicht als Regierungschef vereidigen. Das würde eine massive Verfassungskrise auslösen. Hajek wertete die Ankündigung Van der Bellens als „Wahlkampf-Kalkül“. So wolle er zusätzliche Wähler links der Mitte anlocken.

Doch unrealistisch ist diese Konstellation nicht: Die Freiheitlichen, die für einen harten Kurs in der Flüchtlingskrise plädieren, liegen in Umfragen seit langem deutlich an erster Stelle. Während viele Österreicher sich von der FPÖ schärfere Gesetze im Parlament erhoffen, erwarten sie von einem Bundespräsidenten einen ausgleichenden Charakter, erklärt Hajek die Stimmung in der Bevölkerung. „Die Österreicher haben eine grundsätzlich sehr negative Stimmung gegenüber der Regierung. Sie erwarten aber von in den Nationalrat gewählten Parteien etwas anderes als vom Präsidenten“, so der Meinungsforscher.

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Das „freundliche Gesicht“ der FPÖ

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