Präsidentenwahl in Österreich: Der Wahlkampf hat das Land tief gespalten

Präsidentenwahl in Österreich
Schlammschlacht bis zum Ende

Der Wahlkampf hat das Land tief gespalten

Bei der Stichwahl im Mai siegte Van der Bellen mit knapp 31.000 Stimmen über Hofer. Doch das Ergebnis wurde wegen Schlampereien bei der Briefwahl von den österreichischen Verfassungsrichtern für ungültig erklärt. Der danach anberaumte Wahltermin Anfang Oktober musste wegen Pannen bei den Briefwahlunterlagen kurzerhand abgeblasen werden.

Die Wahl am kommenden Sonntag ist nunmehr der dritte Anlauf für 6,4 Millionen wahlberechtigte Österreicher, um ein neues Staatsoberhaupt zu bestimmen. Zuletzt war die Wahlbeteiligung mit 72,7 Prozent hoch. Insider in Wien gehen davon aus, dass am Sonntag die Wahlmüdigkeit zu einer niedrigeren Beteiligung der Bürger führen wird.

„Hofer sieht eben nicht aus wie ein Skinhead, sondern wie ein freundlicher Nachbar von nebenan“, sagt ein einflussreicher Unterstützer des Rechtspopulisten in Wien. Tatsächlich hat es der im Südburgenland lebende Flugzeugtechniker geschafft, sich als „Mann des Volkes“ zu inszenieren.

Vielen in Österreich gilt er als die Inkarnation des Stammtisches ohne allerdings aggressiv zu poltern. Der Chefideologe der ehemaligen Haider-Partei erreicht mit seiner Strategie viele frustrierte Bürger zwischen Bregenz und Eisenstadt. Angesichts der lahmen Wirtschaft, stagnierender Reallöhne und steigender Arbeitslosigkeit sitzt die Enttäuschung über die seit Jahrzehnten regierenden Volksparteien SPÖ und ÖVP tief.

„Einen so langen Wahlkampf hat es in Österreich noch nie gegeben“, sagte Hofer im ORF-Duell. Die seit einem Jahr dauernde Schlammschlacht hat Österreich mittlerweile tief gespalten. Hofer, bislang Chefideologe der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), inszenierte sich gerne in der Opferrolle. Mit den österreichischen Medien rechnete der Dritte Präsident des Nationalrats immer wieder ab. Im ORF-Duell griff der Sportschütze und Burschenschafter das liberale Magazin „Profil“ an. Hofer setzt in seinem Wahlkampf vor allem auf die sozialen Medien, um seine Anhänger zu mobilisieren.

Der Protestant, der mit seiner Familie im burgenländischen Pinkafeld lebt, gilt vielen als „Wolf im Schafspelz“. Während seines Wahlkampfes traf er die prorussischen Staatspräsidenten von Serbien und Tschechien, Tomislav Nikolić und Miloš Zeman. Hofer plädiert für eine engere Partnerschaft mit dem Kreml. Im Gegensatz zu Marine Le Pen, Chefin der rechtsradikalen Front National in Frankreich, fährt Hofer in der EU-Politik einen Zickzack-Kurs, bei dem nationale Interessen Vorrang haben.

Der Ausgang der Wahl wird nach Meinung einer ganzen Reihe von Politikern zu Neuwahlen in Österreich führen. Offiziell gibt es dafür aber keine Bestätigung. Der seit Ende Mai regierende Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) ging vor wenigen Tagen auf Kuschelkurs zur rechtspopulistischen FPÖ. Ein vom ORF übertragenes Gespräch mit dem FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache bezeichnete er als „amikal“.

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Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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