Präsidentenwahlen in Russland: Die Gesichter des Wladimir Putin

Präsidentenwahlen in Russland
Die Gesichter des Wladimir Putin

Who is Mr. Putin?“ – „Wer ist Herr Putin?“ – fragte sich das World Economic Forum in Davos am 1. Februar 2000. Einen Monat zuvor war Wladimir Putin in den Kreml eingezogen. „Die Antwort auf diese Frage haben auch die vergangenen vier Jahre nicht ergeben“, kommentierte unlängst das russische Wirtschaftsmagazin „Russkij Fokus“.

MOSKAU. I. Das sprechende Porträt
Das Porträt spricht. Manchmal greift es zum Hörer und lässt diejenigen erschauern, die es wie zum Zeichen ihrer Untertänigkeit über den Schreibtisch in ihrem Apparatschik-Büro gehängt haben. „Ja, Wladimir Wladimirowitsch“, „Sehr gern, Wladimir Wladimirowitsch“, „Ganz bestimmt, Wladimir Wladimirowitsch“, hören Besucher in solchen Räumen, wenn das Porträt anruft. Und das Gespräch macht gleich die Runde: „Das ,Porträt’ hat heute angerufen, will sich mit uns treffen“, hieß es kürzlich in einem Funktionärszimmer in Moskaus Bannyj-Straße.

Dort ist das Hauptquartier der Kremlpartei „Einheitliches Russland“. Und wenn sie dort – wie auch im Regierungssitz an der Moskwa, in den Ministerien oder in der Präsidialverwaltung am Alten Platz – über das Porträt sprechen, dann meinen sie den Staatschef: Wladimir Wladimirowitsch Putin. Dessen Antlitz hängt jetzt in den Amtsstuben des Riesenreichs – dort, wo einst der Revolutionsführer Wladimir Iljitsch Lenin auf die Politfunktionäre hinabschaute.

Auf seine Weise ist auch Putin ein Revolutionär. Der 51-Jährige hat die Kommunisten überflüssig gemacht. Er hat wieder ein sowjetisches System mit faktischer Ein- Parteien-Herrschaft und staatlich kontrollierter Justiz aufgebaut – nur eben ohne KP und ohne staatliches Wirtschaftsmonopol. Einen „Kapitalismus mit stalinistischem Gesicht“, wie es Grigorij Jawlinskij formuliert, der Chef der Liberalen. Putin forciert dabei zugleich liberale Reformen und die Stärkung der Staatsmacht, er senkt die Steuern und erhöht gleichzeitig die Anzahl der Beamten drastisch.

Er scheint wie ein russischer Dr. Jekyll und Mr. Hyde zu sein, Reformer und Reaktionär in einer Person. Er hat historische Neuerungen durchgesetzt wie das erstmalige Recht auf Landkauf seit der Oktoberrevolution. Er hat Russlands Rolle in der Welt deutlich gestärkt. Aber er hat auch die elektronischen Medien weitgehend an die staatliche Kette gelegt und das Korrektiv Parlament dank der Zweidrittelmehrheit seiner Einheits-Partei ausgeschaltet.

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