Präsidentschaftswahl in Frankreich
Königlicher Glanz

Ségolène Royal will ihre Partei gewaltig aufmischen und mit Traditionen der Sozialisten brechen. Wenn heute die Mitglieder der Parti Socialiste (PS) ihren Spitzenkandidaten für die französische Präsidentschaftswahl im Frühjahr 2007 bestimmen, stehen die Chancen für Royal gut.

PARIS. Eine Welle der Begeisterung überschwemmt die Kandidatin. „Ségolène présidente, Ségolène présidente“, skandiert die Menge. Die umjubelte Sozialistin, rosarot gekleidet und mit einer roten Rose in der Hand, zeigt sich überwältigt. „Ich fühle, dass etwas Großes entsteht“, ruft sie in den Saal. „Wir auch“, antworten Hunderte von Fans im Chor.

Bei ihrem Wahlkampfauftritt am Montagabend in Paris scheint Ségolène Royal mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit auf einen großen Sieg zuzusteuern. „Es ist wie ein Wunder“, staunt die 53-jährige Politikerin, die unmittelbar vor dem bisher größten Erfolg ihrer Karriere steht. Heute wählen 218 771 Mitglieder der Parti Socialiste (PS) ihren Spitzenkandidaten für die Präsidentschaftswahl im Frühjahr 2007. Und vieles spricht dafür, dass Royal diese Wahl gewinnt.

Denn die neueste Umfrage bestätigt alle bisherigen: Über 60 Prozent der PS-Anhänger bevorzugen Royal. Damit liegt sie in der Beliebtheitsskala weit vor ihren Konkurrenten Dominique Strauss-Kahn (30 Prozent) und Laurent Fabius (10 Prozent).

Dieses Ergebnis hat allerdings einen Schönheitsfehler: Gefragt wurden die sozialistischen Wähler, nicht die PS-Mitglieder. Die Partei aber steht deutlich weiter links als ihre Wähler, was den linken Kandidaten Fabius begünstigt. Völlig unkalkulierbar ist zudem das Votum der rund 70 000 Neumitglieder, die eigens wegen der sozialistischen Vorwahl in die Partei eingetreten sind. Selbst Royals Anhänger sind sich daher nicht sicher, ob sie im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erreicht. „Sie wird weniger als 60 Prozent bekommen, und Fabius kriegt mehr als zehn Prozent“, glaubt der PS-Europaabgeordnete Gilles Savary, den Royal in ihren engeren Beraterkreis berufen hat. Möglicherweise muss die Sozialistin also noch einmal in einer Stichwahl am 23. November gegen Strauss-Kahn oder Fabius antreten.

Dass die Altherrenriege der Sozialisten die Newcomerin noch von Platz eins verdrängen kann, scheint gleichwohl unwahrscheinlich. Denn sowohl der frühere Finanzminister Strauss-Kahn als auch der ehemalige Premier Fabius sind herausragende Repräsentanten der alten Parteielite – und von der hat die Mehrheit der Franzosen die Nase gründlich voll. „Die Leute wollen einen grundlegenden Wandel, und Royal hat das intuitiv gespürt“, glaubt ihr Berater Savary. Das PS-Establishment habe zu lange an seiner republikanischen Staatsgläubigkeit festgehalten und zu oft die Schuld für die sozialen Probleme des Landes der Außenwelt gegeben. Mit dieser „isolationistischen“ Politik wolle Royal brechen.

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