Präsidentschaftswahl in Frankreich
Sarkozy darf auf Chiracs Stimme setzen

Im Januar lief in Frankreich alles noch in vorgegebenen Bahnen. Der konservative Nicolas Sarkozy und die Sozialistin Ségolène Royal schienen den Kampf um den Elysée-Palast unter sich auszumachen.

HB PARIS. Nur Jean-Marie Le Pen von der rechtsextremen Nationen Front (FN) sah sich als ihr Störenfried im Rennen um das Erbe von Staatspräsident Jacques Chirac. Einen Monat vor der Wahl sind jetzt wieder eine Reihe von Szenarien möglich. Und auch der scheidende Staatschef mischt sich nun ein. Am Mittwoch stellte sich Chirac ganz offiziell hinter Sarkozy, den früheren Rivalen im eigenen Lager.

Nicht nur das plötzliche Erstarken des Zentrumspolitikers François Bayrou trägt dazu bei, dass vieles wieder offen ist. Er hat nach allen Umfragen Le Pen auf den vierten Platz verdrängt. Vor allem stellt eines die Zahlenflut der Meinungsforscher auf eine wackelige Grundlage: Jeder zweite Franzose will sich noch längst nicht entschieden haben.

Sicher, der quirlige Sarkozy, Chef der Regierungspartei UMP, liegt in allen Umfragen klar vorn. Er wartete nur noch darauf, dass Chirac ihn für den Wahlkampf aus dem Ministeramt entlässt. Chirac sicherte dem aussichtsreichen Bewerber ausdrücklich seine Rückendeckung zu - was Sarkozy aber auch einen Stein in den Schuh legt. Denn er predigt den „Bruch“ mit der bisherigen Politik, auf die der neogaullistische Präsident ihn mit seiner Unterstützung doch gern verpflichten möchte.

Sicher, der spektakuläre Höhenflug des François Bayrou als Mann der Mitte scheint sich abzuschwächen. Sicher ist allerdings auch, dass die Franzosen es lieben, den Politikern „oben in Paris“ mit Wechselbädern einzuheizen. Im Mai 2002 hoben sie Chirac mit beispiellosen 80 Prozent wieder ins Amt, um Jean-Marie Le Pen abzuwehren. 2004 verschafften sie dann den Sozialisten bei Regionalwahlen einen Erdrutschsieg, um mit dem Nein zu der EU-Verfassung 2005 die Pariser Politikerkaste zu desavouieren.

Den klaren Blick auf die Wahl am 22. April verstellt nicht zuletzt auch, dass den zwölf zugelassenen Bewerbern ein zentraler Streitpunkt fehlt. Ging es 1995 um den „sozialen Bruch“ im Land und sieben Jahre später um Kriminalität und Unsicherheit, „so kristallisiert sich bei dieser Wahl kein beherrschendes Thema heraus“, analysierte Emmanuel Rivière von dem Meinungsforschungsinstitut TNS-Sofres. Keiner kann also so richtig der Kampagne seinen Stempel aufdrücken.

Jenseits der Sorgen der Franzosen um ihren Arbeitsplatz und die Kaufkraft lebt der Wahlkampf von der Erneuerung, die doch so oder so kommt. Chirac trat in seinen zwölf Jahren im Elysée-Palast zumeist auf der Stelle, jetzt tritt er ab. Sarkozy, Royal und Barou sind erstmals Kandidaten für das höchste Amt. Damit kommt der Generationenwechsel zwangsläufig.

Alle versprechen den Wandel, den Frankreich braucht und den die Franzosen auch wollen, solange er nicht allzu schmerzhaft zu werden droht. Und während das Duell Sarkozy-Royal letztlich auch die Medien zu langweilen begann und sie sich auf Bayrou stürzten, arbeitete auch der 78-jährige Le Pen unbeirrt weiterhin auf einen Wandel nach seiner Façon hin.

In den Umfragen zumeist unterbewertet, wird Chiracs Gegner in der Stichwahl 2002 von dem IFOP-Institut eine „Rekord-Popularität“ bescheinigt. Ihn stört es wenig, dass Bayrou im direkten Duell Royal und auch Sarkozy schlagen würde. Le Pen setzt auf Strömungen im Land, die sich dann am Wahltag in den Urnen niederschlagen. Und er teilt die weise Sicht des früheren Präsidenten François Mitterrand, wonach sich eine Wahl erst in den letzten 14 Tagen der Kampagne entscheidet.

Diese heiße Phase beginnt offiziell am 9. April. Jede Prognose bleibt äußerst riskant, zumal die Franzosen die Ungewissheit lieben, in der sie die Welt der Politik nun zappeln lassen. Schon lange nicht mehr haben sie sich derart für ein Kandidaten-Karussell interessiert. Auch das ist ein Fingerzeig dafür, dass ihr Votum überraschend ausfallen kann.

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