Präsidentschaftswahl in Iran
Chatami fordert Ahmadinedschad heraus

Die iranische Präsidentschaftswahl Mitte Juni wird nun endgültig zur Richtungswahl und Entscheidungsschlacht. Gestern gab der frühere Präsident Mohammed Chatami bekannt, um das Präsidentenamt kandidieren zu wollen. Doch ob der Reformer, der vor allem den Jungen als Hoffnungsträger gilt, überhaupt zur Wahl zugelassen wird, ist fraglich.

MÜNCHEN. Mit seiner Ankündigung beendete Chatami monatelange Spekulationen. „Hiermit kündige ich mit Nachdruck an, dass ich mich bei der Wahl als Kandidaten aufstellen lassen werde“, sagte der frühere Staatschef am Sonntag vor Anhängern in Teheran. Reformer in Iran hatten den bereits von 1997 bis 2005 als Präsidenten regierenden Chatami bedrängt, es erneut zu versuchen. Der prominente Reformer ist damit der aussichtsreichste Herausforderer des radikalen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad aus dem Lager der Liberalen.

Unklar blieb zunächst, ob Ex-Parlamentschef Mehdi Karubi zugunsten Chatamis seine Bewerbung zurückziehen wird, um das Reformerlager nicht zu schwächen. Allerdings ist auch unter den Konservativen noch nicht entschieden, ob sie geschlossen Ahmadinedschad unterstützen oder weitere Kandidaten aufbieten. Bei der Parlamentswahl im März 2008 hatte das Lager um Ahmadinedschad deutlich weniger Stimmen bekommen als das Bündnis des dann zum Parlamentspräsidenten aufgestiegenen früheren Atomunterhändlers Ali Laridschani.

Politische Beobachter und Diplomaten in Teheran rechnen damit, dass auch Teherans Bürgermeister Mohammad Bagher Ghalibaf antritt, ein gemäßigter Konservativer, und Laridschani selbst. Der Zwist unter den Konservativen würde den Reformern nutzen, die nach Überzeugung persischer Politologen bei der Wahl chancenlos seien, wenn sie nicht mit einem einzigen Kandidaten anträten. Dabei ist Chatami gerade für die vielen Jugendlichen Irans ein Hoffnungsträger – obwohl er schon 65 Jahre alt ist. Seine Amtszeit gilt den meisten jungen Persern als die freieste seit dem Sturz des Schahs und der Errichtung eines Gottesstaates.

Chatami, der früher Leiter des Islamischen Zentrums in Hamburg war, wo er auch Deutsch lernte, kehrte nach dem Sturz des Diktators Reza Pahlevi 1979 er nach Iran zurück und wurde Kultusminister. Doch nicht nur damals scheiterte der studierte Geistliche am konservativen Klerus: Revolutionsführer Ali Chamenei und der mit extremen Mullahs besetzte Wächterrat kassierten während seiner Präsidentschaft von 1997 bis 2005 viele von Chatamis Reformprojekten, verschärften die Zeitungszensur und schränkten die kulturelle Freiheit massiv ein.

Doch ob Chatami vom Wächterrat überhaupt als Kandidat zugelassen wird, erscheint ebenso offen, wie die Frage, ob Revolutionsführer Chamenei nicht offen einen Widersacher unterstützt und so dessen Sieg sichert. „Denn allein Chamenei entscheidet, wer gewinnt. Wen er unterstützt, den wählt die Mehrheit“, sagt ein früherer Topbeamter.

Damit kommt Laridschani in Stellung, der als enger Vertrauter Chameneis gilt und der am Wochenende auf der Münchner Sicherheitstagung bereits eine radikale Rede hielt, die sich inhaltlich kaum mehr von Ahmadinedschads Ausfällen unterschied: „Die Zeit, dass der Westen koloniale Kontrolle über den Osten ausübte, sind vorbei. Die Menschen im Osten sind keine Menschen der zweiten Klasse“, hielt Laridschani den USA vor – und verstrickte sich gar in eine Holocaust-Debatte: Ob es die Judenvernichtung gegeben habe, wisse er nicht: „Ich bin kein Historiker.“

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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