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Präsidentschaftswahl Tschechien: Mein Fürst

Heute entscheiden die Tschechen per Stichwahl, ob ein Linkspopulist oder ein knorriger Adeliger ihr Präsident wird. Wenn es nach unserer Autorin und den meisten jungen Tschechen ginge, wäre die Entscheidung klar.

Ein Wahlbutton für Karel Schwarzenberg.
Ein Wahlbutton für Karel Schwarzenberg.

Ich kann es einfach nicht mehr hören. Dieses ewige Gejammer, dass die bösen Sudetendeutschen kommen und uns unser Land, Häuser (und wahrscheinlich auch die Frauen) wegnehmen. Immer wieder diese billigen Versuche, die Nationalismus-Karte zu spielen und bei den Menschen Angst zu schüren.

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Diese Versuche wirken leider, auch bei dem Wahlkampf um den Posten des nächsten tschechischen Präsidenten.  Wieder wird heiß diskutiert, ob die sogenannten Beneš-Dekrete, die zur Vertreibung von Hunderttausenden von Sudetendeutschen nach dem zweiten Weltkrieg geführt haben, immer noch gültig sind und ob deren Verfasser ein Verbrecher war oder nicht.

Einer der Kandidaten - Karel Schwarzenberg, momentan noch Außenminister - meinte dazu, heutzutage wäre Beneš für so ein Dekret vor dem Kriegstribunal in den Haag gelandet. Diese klare Meinung passt vielen Tschechen nicht, weil die Dekrete für viele Bürger Garant des nationalen und mitunter auch des persönlichen Besitzes sind. 1997 hatte sich die Regierung in der deutsch-tschechischen Erklärung für die Zwangsaussiedlungen entschuldigt. Entschädigungen in großem Stil wurden aber vermieden.

Schwarzenbergs Kritik bietet vor allem seinem Kontrahenten – dem ehemaligen Premierminister und Chef der Sozialdemokraten, Miloš Zeman - Wahlkampfmunition. Der hackt gerne auf dieser Aussage herum und schiebt noch ein paar vermeintlich witzige Sätze über den "degenerierten Adel" hinter.  

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Tschechiens Stichwahl um das Präsidentenamt bietet Nervenkitzel bis zum Schluss. Fürst gegen Linkspopulist - es ist eine Konfrontation der Extreme. Selbst alte Ressentiments gegen die Vertriebenen sind wieder ein Thema.

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Damit spielt er auf Karel Schwarzberg an, der mit vollem Namen Karel VII. Johannes Nepomuk Josef Norbert Friedrich Antonius Wratislaw Menas von und zu Schwarzenberg heißt und den Titel Fürst trägt. So nennen den 76-Jährigen übrigens gerne auch die Tschechen. Und im Gegensatz zum  deutschen Begriff „Landesfürst“ meinen sie es auch nett.

Der verbissene Kampf um den Posten des nächsten tschechischen Präsidenten ist typisch für das Land und seine Leute. Es ist ein Zwiespalt, ein Kampf zwischen Alt und Jung, zwischen Stadt und Land. Auf der einen Seite wird mit niveaulosen Parolen geschossen. Auf der anderen versucht man eine anständige Diskussion zu führen und zu Anstand zu ermahnen.

Überhaupt Anstand und Ehrlichkeit. Das sind die zwei Haupteigenschaften, die Schwarzenberg für seine Wähler präsentiert. Genau danach sehnen sie sich, weil sie genug von der Politik haben, wie sie in den vergangenen Jahren betrieben wurde. 

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Schwarzenberg steht für das Gegenteil. Er ist Kopf eines böhmisch-fränkischen Adelsgeschlechts, dessen Familie nach der Machtergreifung der Kommunisten 1948 nach Wien floh. Dort setzte sich der Fürst für Dissidenten in Osteuropa ein. Nach der demokratischen Wende von 1989 kehrte er nach Prag zurück und leitete für den „Dichterpräsidenten“ Vaclav Havel zwei Jahre lang die Kanzlei. Später war er Außenminister - und wurde immer mehr zum Gegenspieler des jetzt scheidenden Präsidenten Vaclav Klaus.

Denn im Gegensatz zum immer verbiesterten Euro-Kritiker ist Schwarzenberg ein glühenden Europäer, aber auch ein echter Transatlantiker. Zwischendurch hatte sich Schwarzenberg mit den Grünen verbündet, vor drei Jahren gründete er seine eigene, wertkonservative Partei TOP 09. Aber immer war und ist er ein Freidenker, den die schmutzige Tagespolitiker immer mehr anbiedert. Wie viele seiner Landleute.

  • 26.01.2013, 15:41 UhrSteuerschaetzer

    Vielen Dank für diesen Artikel. Und hoffentlich gewinnt das "junge Tschechien" der Verfasserin, denn das alte Tschechien, das sich immer noch auf die verbrecherischen Benes-Dekrete stützen muss, gehört nicht in die EU und die Repräsentanten dieser Politik sollten sich mal ansehen, was mit Politikern ihres Schlages in der Balkanregion passiert ist. Diese Typen von dort sitzen heute als Angeklagte in Den Haag, und das zu Recht für die von ihnen begangenen Verbrechen. Auch ein Herr Benes würde für seine verbrecherische Politik und Hetze von damals gegen die Sudtendeutschen heute dort sitzen und lebensläglich erhalten.

  • 26.01.2013, 14:01 UhrLaienrichter

    Der Linksfaschistoide Milos Zeman ist ein Zyniker par excellence.

    Sagte er doch kürzlich, man hätte den Sudetendeutschen bei deren Verteibung "nur den eigenen Wunsch erfüllt, sie wollten ja heim ins Reich".

    Und der Vollpfosten Staatspräsident Václav Klaus, ein Klimaleugner ("Klimaschutz ist Ökoterrorismus" , Vertreibungsleugner und Intimfeind seines Vorgänger Vaclav Havel, will das Land verlassen, wenn der Kandidat Schwarzenberg das Rennen macht. Hat er gesagt.

    Ist Tschechien eigentlich schon reif für die EU ??

  • 26.01.2013, 12:26 Uhrsvebes

    Mich erstaunt, dass dieser zeman mit seiner Anti-Deutschland und Deutschenhetze soviele Boden gut machen kann. Soviel zum Thema Europa und wie nah die Völker im Osten am Einheitsgedanken, abseits des Deutschland-Euros, sind. Wieviel soll man sich als Deutscher noch bieten lassen? Griechen, Tschechen - alle mobben Deutsche und unsere weichgespülten Politiker lächeln dazu. Ach ja befragen sie mal Slovaken zu Thema Tschechen und Verlässlichkeit ;-)

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