Präsidentschaftswahl und Wirtschaftsentwicklung
„Brasilien kann auf der Schwelle verhungern“

Brasiliens Regierung schlittert von einem Skandal in den nächsten: Korruptionsaffären und Komplotte sorgen noch wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl für Empörung im Land. Präsident Lula enttäuscht selbst die eigenen Anhänger. Reformen stocken, im globalen Wettbewerb ist das Land schlecht aufgestellt. Experten warnen, Brasiliens Aufstiegsträume könnten endgültig platzen.

DÜSSELDORF. Dürre Kinder spielen neben den Kadavern verdursteter Tiere, Lehmhütten säumen die Straßen, Frauen schleppen schlammiges Wasser in rostigen Farbkanistern durch die Straßen. Der Nordosten Brasiliens ist bitterarm. Während die Menschen im modernen Sao Paulo in Einkauszentren mit Marmorfußboden flanieren und in sündhaft teuren Restaurants speisen, kämpfen hier Familien ums tägliche Überleben. Von den 185 Millionen Brasilianern lebt nach wie vor etwa jeder fünfte bitterer Armut. Am anderen Ende der Einkommensskala steht dagegen eine zum Teil sehr reiche, aber kleine Oberschicht.

Daran hat auch Präsident Luiz Inácio Lula da Silva nichts geändert. Trotzdem bleibt er die Hoffnung vieler Brasilianer. Seit 2003 ist der ehemalige Dreher und Linkspolitiker Präsident im größten Land Lateinamerikas. Trotz aller Kritik und Enttäuschung über die Leistungen in seiner ersten Amtszeit, kann "Lula" mit einer Wiederwahl rechnen. Ungeachtet der vielen Korruptionsskandale, die die Regierung vor allem im vergangenen Jahr erschüttert und zu Rücktritten vieler ranghoher Kabinettsmitglieder geführt hatten, steuert der 60-jährige Staatschef bei den Wahlen vom 1. Oktober auf einen Sieg bereits im ersten Wahlgang zu. Nach der jüngsten Umfrage des Forschungsinstituts Ibope wollen 47 Prozent für den Kandidaten der „Partei der Arbeiter“ (PT) stimmen.

Was ist das für ein Brasilien, dass einen Skandal-Präsidenten mit großer Mehrheit im Amt bestätigen wird? Nicht nur ausländische Beobachter, auch Lulas Gegner sind überrascht. Denn noch vor wenigen Monaten hatten sie gehofft, die Affären würden der Popularität des Präsidenten schaden. Schließlich war es Lulas Partei PT, die in der Vergangenheit immer wieder die bürgerlich konservativen Parteien der Korruption beschuldigte und sich selbst eine weiße Weste zuschrieb.

Die Affären ließen die Regierung auch in diesen Tagen nicht los. Vor einer Woche musste Lulas Wahlkampfchef und Mitgründer der PT-Partei, Ricardo Berzoini, zurücktreten. Zuvor hatte bereits einer von Lulas engsten Mitarbeitern, Freud Godoy, seinen Hut genommen. Er wird beschuldigt, Bestechungsgelder gezahlt zu haben, um an Informationen zu kommen, die die Verwicklung der oppositionellen Partei der Sozialdemokratie Brasiliens (PSDB) in Korruptionsfälle beweisen sollen.

Die weiße Weste ist beschmutzt, doch die Beliebtheit des Präsidenten unverändert. Fürchten muss Lula am kommenden Sonntag kaum einen der anderen Spitzenkandidaten. Sein wichtigster Herausforderer, der von vielen Unternehmern favorisierte Geraldo Alckmin, liegt laut Ibope bei rund 36 Prozent. Er ist für die Wiederaufnahme der Privatisierungen und Annäherung an die USA. Statt regionaler Integration setzt er auf die Gesamtamerikanische Freihandelszone ALCA, gegen die seit Jahren im ganzen Subkontinent mobil gemacht wird.

Dies sind Konturen eines alternativen Wahlprogramms, die für den durchschnittlichen Wähler unsichtbar bleiben. Alckmin steht für eine liberale Wirtschaftspolitik mit besonderer Berücksichtigung sozialer Belange steht – ebenso wie Lula. Es fehlt dem farblosen Kandidaten letztlich an der Kraft zu überzeugen, warum man ihn und nicht Lula wählen solle. So kommt es, dass sogar die Enttäuschten keine Alternative zu Lula sehen. Die Parteien in Brasilien scheinen austauschbar zu sein, ihre Politik ebenso.

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