Präsidentschaftswahlen am Sonntag
El Salvador sehnt Regierungswechsel herbei

Trotz voller journalistischer Breitseiten gegen ihren Kandidaten Mauricio Funes hat die ehemalige Linksguerilla FMLN am Sonntag erstmals die Chance, den Präsidenten von El Salvadorzu stellen. Die Härte des Wahlkampfs lässt dabei erahnen, wie sehr die Regierungspartei National-Republikanische Allianz den Machtverlust fürchtet.

SAN SALVADOR. Wer in El Salvador morgens die Zeitung aufschlägt, betritt mediales Kriegsgebiet. Kein Tag vergeht, ohne dass die beiden führenden Blätter mit journalistischen Breitseiten auf Mauricio Funes feuern: Über illegale Wahlkampffinanzierung berichten sie, oder Verbindungen zu Venezuelas Staatschef Hugo Chávez. Unternehmer malen in Interviews Horrorszenarien aus, sollten bei der Präsidentenwahl am Sonntag die Linkspartei FMLN und ihr Kandidat Funes gewinnen. Dass die Vorwürfe meist Verleumdungen und Verunglimpfungen sind, stört nicht.

Es scheint, als ginge 17 Jahre nach Ende des Bürgerkriegs der Konflikt zwischen Linksguerilla und Ultra-Rechten mit unverminderter Härte weiter. Geändert haben sich nur die Mittel: Worte statt Waffen. Und wie im Krieg, der zwischen 1980 und 1992 rund 75 000 Menschen das Leben kostete, so sind auch in diesem Wahl-Kampf die Waffen ungleich verteilt: Die Medien in den Händen der wirtschaftlichen und politischen Elite des Landes stehen treu zur Regierungspartei National-Republikanische Allianz (Arena). "Der Wahlkampf zeichnet sich durch eine extreme Schmutzkampagne aus, die vor allem von Seiten der regierenden Partei und ihrer Unterstützer geführt wird", klagt José Antonio de Gabriel, Vize-Chef der EU-Beobachtermission.

Am Sonntag stehen sich die Kriegsgegner von damals zum fünften Mal seit Unterzeichnung des Friedensvertrags als politische Parteien gegenüber. Auf der einen Seite die Arena, die von Offizieren der früheren Militärdiktatur gegründet wurde und das Land von der Größe Hessens seit 20 Jahren regiert. Auf der anderen Seite die ehemalige Linksguerilla FMLN, die eine realistische Chance hat, erstmals überhaupt an die Macht zu kommen. Laut Umfragen wollen zwei Drittel der Salvadorianer einen Regierungswechsel. Noch immer verlassen 500 Menschen täglich aus Mangel an Perspektiven ihr Land Richtung USA auf der Suche nach Arbeit und Auskommen.

In krassem Gegensatz zur Aggression im Wahlkampf steht die inhaltliche Leere der Kampagne. Die größten Probleme des kleinsten zentralamerikanischen Landes wie Gewalt und Wirtschaftskrise finden kaum Erwähnung. Dabei trifft vor allem die Wirtschaftskrise in den USA das Land härter als alle anderen in der Region. Nach Prognosen von JP Morgan schrumpft die Volkswirtschaft Salvadors dieses Jahr um 0,5 Prozent. Allein seit Jahresbeginn sind in der Lohnveredelungsindustrie und am Bau 20 000 Jobs verlorengegangen.

Mit Ausnahme Mexikos hängt kein Land in der Region so sehr am Tropf der USA wie El Salvador: 60 Prozent aller Exporte gehen in die Vereinigten Staaten. "Die Krise in den USA trifft uns härter als andere Staaten, weil wir einen Freihandelsvertrag haben, ein Drittel unserer Bevölkerung dort lebt und wir von ihren Auslandsüberweisungen abhängen, die 18 Prozent unseres Bruttoinlandsproduktes ausmachen", sagt Funes. Seinen Gegnern, die ihm vorwerfen, mit den Vereinigten Staaten brechen zu wollen, hält der Linkskandidat entgegen: "Wir können uns gar nicht leisten, zu den USA auf Konfrontationskurs zu gehen."

Die zweite Herausforderung für die künftige Regierung ist die Gewaltkriminalität. Mit 63 Toten auf 100 000 Einwohner ist El Salvador stärker betroffen als das von Drogenkartellen drangsalierte Mexiko. Zwischen zehn und zwölf Menschen werden täglich ermordet. Verantwortlich dafür sind die Jugendbanden Maras und die Straflosigkeit aufgrund einer unfähigen Polizei und Justiz. Zudem haben viele El Salvadorianer aus Zeiten des Bürgerkriegs noch eine Waffe zu Hause.

Die Härte des Wahlkampfs lässt erahnen, wie sehr Arena den Machtverlust fürchtet. Dabei schickt sie mit dem 44-jährigen Ex-Polizeichef Rodrigo Ávila einen eher farblosen Kandidaten ins Rennen, den Amtsinhaber Antonio Saca ausgeguckt hat.

Sein fünf Jahre älterer Herausforderer Funes ist als Fernsehjournalist bekannt geworden. Der FMLN ist er erst vor einem halben Jahr beigetreten. Er vertritt gemäßigtere Positionen als Teile der Parteiführung, die enge Kontakte zu Venezuelas Präsident Chávez unterhalten. "Meine größte Herausforderung ist es, Angst und Desinformation zu bekämpfen", sagt Funes. "Ich muss Vertrauen stiften und versichern, dass die FMLN sich geändert hat, und dass Chávez hier kein zweites Venezuela schaffen wird." Er orientiere sich viel eher an Brasiliens Präsident Luiz Inacio Lula da Silva: "Ihm ist es gelungen, den Unternehmern die Angst vor den Linken zu nehmen, Wirtschaftswachstum zu schaffen und die Armut zu bekämpfen."

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