Präsidentschaftswahlen
Rousseff wird Brasiliens erste Staatschefin

In Brasilien ist die Kandidatin der Arbeiterpartei, Dilma Rousseff, zur neuen Präsidentin gewählt worden. Die 62-jährige setzte sich nach Angaben der Wahlbehörden in der Stichwahl mit 55,39 Prozent der Stimmen gegen ihren sozialdemokratischen Konkurrenten José Serra durch. Damit wird sie als erste Frau an der Spitze Brasiliens stehen.
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HB BRASILIA. Historische Wahl in Brasilien: Das fünftgrößte Land der Erde wird in nächsten vier Jahren erstmals von einer Präsidentin geführt. Die 62-jährige Regierungskandidatin Dilma Rousseff setzte sich in der Stichwahl mit rund zehn Prozentpunkten Vorsprung gegen ihren oppositionellen Herausforderer José Serra durch. Das Votum galt auch als Abstimmung über die Politik von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, der Rousseff im Wahlkampf massiv unterstützt hatte. Er scheidet mit Rekordsympathiewerten von über 80 Prozent aus dem Amt.

Die Anhänger Rousseffs feierten den Sieg ihrer Kandidatin auf der Hauptpromenade Brasílias, wo sich Rousseff am Abend noch selbst äußern wollte. Nach der Abstimmung wollte sie zunächst eine Woche Urlaub machen. Danach wird sie vermutlich Lula auf einer geplanten Auslandsreise nach Mosambik begleiten und anschließend zum G20-Gipfel am 11./12. November nach Südkorea fahren. Dort will sich Lula offiziell verabschieden und wenn möglich auch die künftige Präsidentin vorstellen.

Es waren die sechsten Präsidentschaftswahlen nach dem Ende der Militärdiktatur in Brasilien (1964-1985) und seitdem das erste Mal, dass Lula nicht selbst als Kandidat antrat. Für Serra blieb mit der Niederlage auch der zweite Anlauf aufs Präsidentenamt erfolglos. Er war bereits 2002 im zweiten Wahlgang gegen Lula gescheitert. Auf Rousseff entfielen nach offizieller Auszählung von rund 97 Prozent der Wahlzettel 55,72 der Stimmen, auf Serra 44,28 Prozent. Der Wahlkampf war weniger von programmatischen Debatten, sondern mehr von gegenseitigen Anschuldigungen geprägt. So musste sich Rousseff gegen Vorwürfe wehren, sie trete für eine Legalisierung der Abtreibung ein, die in Brasilien derzeit nur nach einer Vergewaltigung oder bei bestehender Lebensgefahr für die Mutter erlaubt ist. Serra wurde vorgeworfen, er wolle im Falle einer Regierungsübernahme die Privatisierung vorantreiben und selbst vor dem staatlichen Ölkonzern Petrobras nicht haltmachen.

Dilma Rousseff gilt als Technokratin, die in der Bevölkerung bei weitem nicht so beliebt ist wie der charismatische Lula, der auf Zustimmungsraten von mehr als 80 Prozent kommt. Die frühere Guerrillakämpferin Rousseff war bis zu ihrer Nominierung im Februar der breiten Bevölkerung weitgehend unbekannt. Während des Wahlkampfes versprach sie den Brasilianern, die Politik Lulas fortzuführen, der das Land in den vergangenen acht Jahren zur achtgrößten Volkswirtschaft der Welt machte. Er scheidet am 1. Januar 2011 aus dem Amt. Im ersten Wahlgang vor einem Monat hatte Rousseff knapp 47 Prozent der Stimmen erhalten, für Serra stimmten knapp 33 Prozent. Eine absolute Mehrheit Rousseffs machte die Grünen-Kandidatin Marina Silva zunichte, die überraschend auf 19 Prozent kam.

Rousseff kämpfte in ihrer Jugend in linken Guerillagruppen gegen die Militärdiktatur (1964 bis 1985). Knapp drei Jahre saß sie im Gefängnis und musste Folter ertragen. Nach dem Ende der Diktatur gehörte sie zu den Neugründern der brasilianischen Arbeiterpartei. Der 2002 zum Staatschef gewählte frühere Gewerkschafter Lula holte Rousseff 2003 als Energieministerin in sein Kabinett, machte sie 2005 zur Kabinettschefin und baute sie systematisch zu seiner Nachfolgerin auf. Für den Weg an die Spitze unterzog sich Rousseff sogar mehreren Schönheitsoperationen, um sich ein telegeneres Äußeres zuzulegen.

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