Pragmatismus: Japan und Korea kooperieren in der Krise

Pragmatismus
Japan und Korea kooperieren in der Krise

Die asiatischen Mächte Japan und Korea geben angesichts der globalen Wirtschaftskrise ihre Zwistigkeiten auf. Das macht vor allem die pragmatische Haltung der beiden Länder möglich.

OKIO. „Aus verschiedenen Gründen waren die Beziehungen unserer Länder belastet, aber wenn wir es recht bedenken, erkennen wir, dass wir uns nie zurückentwickelt haben“, sagte Koreas Präsident Lee Myung-Bak am Montag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem japanischen Premier Taro Aso in Seoul.

Vor einem halben Jahr noch konnte eine umstrittene Unterrichtsanweisung des japanischen Erziehungsministeriums eine diplomatische Eskalation zwischen beiden Ländern auslösen. Derzeit bringen selbst koreafeindliche Äußerungen des japanischen Luftwaffenchefs die Beziehungen nicht ins Wanken. Japan hat Korea Hilfe im Falle einer Erschöpfung der Devisenreserven angeboten. Korea öffnet sich umgekehrt stärker für japanische Investoren. Das Verhältnis der beiden Regierungschef wirkt entspannt und produktiv. „Wir stehen uns geographisch nah und emotional ebenfalls nah“, sagte Lee. Er wandelte damit die Phrase ab, dass Japan und Korea sich geographisch nah stehen, emotional aber weit voneinander entfernt seien.

Vor allem die pragmatische Haltung beider Politiker hat das Verhältnis der Länder verbessert. „Wir haben uns heute nicht mit Geschichte beschäftigt“, sagte Aso. Sowohl für den japanischen Premier als auch für Lee steht die Lösung drängender Probleme im Vordergrund. Ihre Vorgänger hatten sich laufend damit aufgehalten, um historisch belastete Symbole zu streiten. Lee dagegen verzichtete seit Amtsantritt im Februar darauf, von Japan neue Entschuldigungen für die Kolonialpolitik in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zu verlangen.

Das bedeutet nicht, dass Territorialpolitik derzeit keine Rolle spielt. Japan hat die Koreaner erst kürzlich heftig verärgert. Die Regierung in Tokio kündigte an, Vermessungsschiffe zu einer umstrittenen Inselgruppe zu schicken. Aus dem Wasser im japanischen Meer zwischen den beiden Ländern ragen zwar nur Felsen, doch unter dem Meeresgrund erstrecken sich vermutlich Gasvorkommen. Lee und Aso klammerten jedoch dieses heiße Thema gestern in ihren Gesprächen aus.

Japan ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt nach den USA, während Seoul sich zunehmend in die Rolle einer globalen Drehscheibe für Handel und Produktion positioniert. Die beiden Ländern haben im Jahr 2008 bis November Waren im Wert von 82 Mrd. US-Dollar ausgetauscht. Korea ist Nippons wichtigster Handelspartner nach den USA, China und der EU.

Die beiden Regierungschefs vereinbarten, regelmäßige Treffen fortzuführen. Die Praxis einer ständigen Abstimmung zwischen den asiatischen Ländern hatte 2005 geendet, nachdem der damalige Regierungschef Junichiro Koizumi Sympathie für den japanischen Militarismus während des Zweiten Weltkriegs gezeigt hatte. Er hatte ein Heiligtum besucht, in dem auch Kriegsverbrecher verehrt werden. Aso, ein ehemaliger Außenminister, neigt nicht zu solchen Gesten. Er verärgert Japans Nachbarn zwar manchmal durch flapsige Bemerkungen, ist jedoch gerade deshalb sehr auf ein versöhnliches Image bedacht. Lee hat wie Aso Erfahrungen in der freien Wirtschaft.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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