Preisgabe vertraulicher Informationen
Die verhängnisvollen Gaumenfreuden des Beamten W.

Waren es schlicht Eitelkeit und die Liebe für gutes Essen, oder erhoffte sich Fritz-Harald Wenig mehr für die Preisgabe vertraulicher Informationen aus der Europäischen Kommission? Ganz Brüssel rätselt über die Hintergründe der bizarren Affäre um einen deutschen Spitzenfunktionär in der EU-Kommission.

BRÜSSEL. Seit die britische „Sunday Times“ vor eineinhalb Wochen dem deutschen EU-Spitzenbeamten in einem Artikel Bestechlichkeit vorwarf, rätselt ganz Brüssel über die Hintergründe einer der bizarrsten Affären, die Europas Hauptstadt in den vergangenen Jahren erlebt hat.

Die Geschichte beginnt im März in einem teuren Nobelrestaurant. Wenig glaubt, die Mittelsmänner eines chinesischen Unternehmers hätten ihn zum Dinner eingeladen. Doch in Wahrheit sitzen ihm zwei britische Journalisten mit versteckten Aufnahmegeräten gegenüber. Sie versprechen Wenig 100 000 Euro und einen lukrativen Job, wenn er Insiderkenntnisse über Strafzölle der EU gegen chinesische Schuh- und Kerzenhersteller weitergibt.

Der Geköderte, als Direktor in der Kommission verantwortlich für den Zugang ausländischer Firmen zum europäischen Markt, zögert. Er wolle nichts Illegales tun, betont Wenig laut „Sunday Times“ immer wieder und weicht aus, wenn ihm die angeblichen Mittelsmänner Geld anbieten. Doch er lässt sich auf weitere Einladungen in Luxusrestaurants ein. Und er nennt schließlich die Namen chinesischer Firmen, die von den Strafzöllen verschont bleiben sollen. Ein Insiderwissen, das dem Empfänger Geschäftsvorteile in Millionenhöhe bringen kann.

Je länger Wenigs Kontakt zu dem vermeintlichen Geschäftsmann aus China andauert, desto mehr redet er sich um Kopf und Kragen. Bei einem der Treffen verstrickt er sich sogar in Gedankenspiele, wie ihm die versprochene Belohnung gefahrlos über ein Sperrkonto ausgezahlt werden könnte. Wollte er wirklich so weit gehen? Oder erlag er nur dem Reiz, sich gebauchpinselt zu fühlen?

Kurz nach Erscheinen des Artikels hat die EU-Antikorruptionsbehörde Olaf Ermittlungen gegen Wenig eingeleitet. Ein Kommissionssprecher betonte zwar umgehend, es gelte die Unschuldsvermutung. Doch ein Verstoß gegen den Verhaltenskodex für EU-Beamte dürften Wenigs konspirative Luxusessen allemal sein. So hätte er Geschenke im Wert von mehr als 50 Euro, wozu auch Restaurantbesuche zählen, seinem Arbeitgeber melden müssen. Und er hätte kein Insiderwissen preisgeben dürfen, auch wenn der Schaden vermutlich gering ist, da die Informationen ohnehin kurz vor der Veröffentlichung standen.

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