Preisträger diskutieren mit jungen Wissenschaftlern
Visionen für die Welt von übermorgen

Blicken wir dreißig Jahre in die Zukunft: Sie machen eine Weltreise und müssen nirgendwo mehr in eine Wechselstube, denn überall auf der Welt wird mit der gleichen Währung bezahlt. Die asiatischen Volkswirtschaften boomen noch immer und stellen mit ihren Wachstumsraten alle anderen Länder in den Schatten. Staatliche Industriepolitik gibt es nicht mehr, jede Volkswirtschaft konzentriert sich auf ihre Stärken und sichert das daraus resultierende Risiko am Finanzmarkt ab. Die Bevölkerung der Industriestaaten ist zunehmend vergreist, die Vereinigten Staaten geben rund ein Fünftel ihrer Wirtschaftsleistung für Gesundheit aus.

LINDAU. Diese Visionen haben Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften entworfen. Zehn von ihnen kamen von Mittwoch bis Samstag vergangener Woche beim ersten Treffen dieser Disziplin in Lindau am Bodensee zusammen. Die Preisträger der naturwissenschaftlichen Fächer reisen bereits seit den 50er-Jahren regelmäßig auf Einladung von Gräfin Sonja Bernadotte, Präsidentin des Kuratoriums, an den See. Drei Tage lang konnten nun auch 180 Studenten und junge Wissenschaftler aus 34 Staaten den Vorträgen der Wirtschaftspreisträger lauschen, in Kleingruppen Ideen austauschen und beim Essen mit ihren Idolen plaudern.

Die halbstündigen Referate der Ökonomen waren so unterschiedlich wie ihre Persönlichkeiten: Da erklärte Robert Merton im Licht der Bühnenscheinwerfer mit weit in den Raum greifenden Gesten, wie ein Land wie Taiwan, das auf die Produktion von Computerchips spezialisiert und daher für Branchenkrisen anfällig ist, sein Risiko streuen kann, ohne die Realwirtschaft zu diversifizieren – mit neuartigen Finanzmarkt-Transaktionen.

Während Merton die Bühne abschritt, erklärte er Schritt für Schritt, wie Taiwan am Finanzmarkt Gegengeschäfte mit Staaten abschließen kann, die auf andere Branchen spezialisiert sind. So könnten die Asiaten beispielsweise mit Chile vertraglich vereinbaren, sich gegenseitig an den Erträgen der jeweiligen Schlüsselbranchen zu beteiligen – beide Länder würden dadurch von ihrem nationalen Schwerpunkt unabhängiger.

„Das ist viel preiswerter als staatliche Industriepolitik“, warb er für seine Idee. Merton erhielt 1997 den Preis der Schwedischen Nationalbank zum Gedenken an Alfred Nobel für eine neue Methode zur Bewertung von Derivaten. Sein Maßanzug und das kräftig gegelte Haar erinnerten an seine Zeit als Manager des milliardenschweren Hedge Fonds Long Term Capital Management – der war zunächst enorm erfolgreich, ging 1998 aber Pleite und hätte fast das Weltfinanzsystem mit in den Abgrund gerissen.

Visionär gab sich auch Robert Mundell: Der 1932 geborene Kanadier ist ein früher Befürworter des Euros und hat 1999 für seine Arbeiten zur Theorie des optimalen Währungsraums den Nobelpreis bekommen. In Lindau lobte er die Vorteile einer Weltwährung. Ihr sollen die drei stabilsten Währungen zu Grunde liegen: Der US-Dollar, der Euro und der Yen.

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