Premier pfeift Innenminister zurück und macht Krisenbewältigung zur Chefsache
Krawalle schüren Machtkampf zwischen Sarkozy und Villepin

Der Gewaltausbruch in den Vorstädten hat den politischen Machtkampf in Paris angeheizt. Wie gewohnt eröffnete Innenminister Nicolas Sarkozy das Feuer: Er werde die betroffenen Viertel vom „Gesindel“ befreien und mit einem „Hochdruckreiniger“ säubern, tönte der Politikstar aus dem Pariser Nobelvorort Neuilly nach den Chaosnächten im Armenviertel Clichy-sous-Bois.

HB BRÜSSEL/PARIS. Ähnlich hatte sich Sarkozy schon in der Vergangenheit geäußert. Der 50-jährige Chef der konservativen Regierungspartei UMP gefällt sich in der Rolle des Saubermanns. Mit seiner knallharten Law-and-Order-Politik, aber auch liberal motivierten Provokationen zum Ausländerwahlrecht oder zur Krise des französischen „Sozialmodells“ bringt sich Sarkozy für die Präsidentschaftswahl 2007 in Stellung.

Bisher ging sein Kalkül weitgehend auf: Nicht nur in Paris, sondern auch in Brüssel und Berlin gilt der 165 cm kleine Gernegroß als Favorit für die Nachfolge von Staatspräsident Jacques Chirac. Viele EU-Politiker träumen schon von einem Gespann Sarkozy-Merkel, das die deutsch-französische „Achse“ in Schwung und Europa auf Reformkurs bringen soll.

Doch diesmal lief Sarkozys Offensive ins Leere. Mit seinen verbalen Attacken habe der Innenminister Öl ins Feuer gegossen, schrieben Leitartikler von „Libération“ bis „Le Monde“. Die linke Opposition bezichtigte ihn gar der geistigen Brandstiftung. Und die Bürger von Clichy-sous-Bois, mit denen Sarkozy ins Gespräch kommen wollte, verweigerten den Dialog.

Auch Premierminister Dominique de Villepin änderte seine Haltung. Bisher hatte der Feingeist aus dem Hotel Matignon eher den Biedermann gespielt. De Villepin tat so, als gingen ihn die verbalen Attacken seines umtriebigen Innenministers nichts an. Vor einer Woche gaben die beiden Rivalen – auch Villepin strebt in den Elysée-Palast – sogar erstmals eine gemeinsame Pressekonferenz. Lächelnd stellten sie sich den Kameras. Doch angesichts immer neuer Horrormeldungen aus immer mehr Vorstädten zog de Villepin brüsk die Zügel an.

Erst ließ er den bisher fast unbekannten Minister Azouz Begag auf Sarkozy los: Die „kriegerische Semantik“ des Innenministers sei kontraproduktiv, kritisierte der gelernte Soziologe, der in Villepins Regierung für die Chancengleichheit zuständig ist. Dann sagte der Premier eine seit langem geplante Reise nach Kanada ab und machte das brisante Problem zur Chefsache.

Auch Präsident Chirac wagte sich aus der Deckung. „Das Gesetz muss strikt und im Geiste des Dialogs und des Respekts angewandt werden“, sagte das französische Staatsoberhaupt. Indirekt machte sich Chirac damit den Vorwurf vieler Einwanderer zu Eigen, Sarkozy setze nur auf Repression und lasse Respekt vermissen.

Der Guerilla-Krieg auf der Straße habe den „Krieg der Chefs“ angeheizt, kommentierte der regierungsnahe „Figaro“ die neue Lage. Erstmals kann Sarkozy nicht mehr schalten und walten, wie er will; spätestens seit gestern steht er unter strenger Kontrolle durch Präsident und Premier. Für den erfolgsverwöhnten Selfmade-Mann ist dies ein herber Rückschlag. Über Nacht ist ihm das Gesetz des Handelns entzogen worden.

Doch Sarkozy gilt als Stehaufmännchen. Schon einmal musste er sich Chirac fügen und die Regierung verlassen – wenige Monate später feierte er eine triumphale Rückkehr. Weitgehend unbeschadet hat er auch eine Ehekrise überstanden, die im Sommer für Schlagzeilen sorgte. Sarkozy verschwand einfach einige Wochen von der Bildfläche – und präsentierte sich danach als gereifter und geläuterter Mann.

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