Presseschau
Reaktionen auf den Bundeswehr-Skandal

Bilder von Bundeswehr-Soldaten, die in Afghanistan in teils obszönen Gesten mit einem Totenschädel posieren, haben die deutsche Politik erschüttert. Aktuelle Reaktionen und Pressestimmen zu dem Vorfall in der Übersicht.

„Handelsblatt“:
Natürlich können die Unzulänglichkeiten der Politik nie und nimmer zur Rechtfertigung der mutmaßlichen Totenschändung in Afghanistan dienen. Aber sie müssen unbedingt in die Ursachenforschung einbezogen werden. Wenn Peter Struck einst meinte, dass deutsche Soldaten niemals wie GIs in Abu Ghraib agieren würden, so verkannte er, was Kampfeinsätze in Soldaten auslösen können. Klar: Abu Ghraib hat eine andere, eine schlimmere Qualität als der jetzt publik gewordene Vorfall in Afghanistan. Aber schlimmer ist eben der Komparativ von schlimm.

„Frankfurter Allgemeine Zeitung“:
Geschlossen hat die deutsche Politik das widerwärtige Posieren einiger Bundeswehrsoldaten mit einem Menschenschädel in Afghanistan verurteilt, das auf jetzt veröffentlichten Fotos festgehalten wurde. Trotz aller Empörung und Bestürzung tat das Kabinett aber recht daran, am selben Tag unbeirrt den Anti-Terror-Auftrag in Afghanistan zu verlängern und das neue Weißbuch zu beschließen. Damit bekundete die deutsche Regierung ihr grundsätzliches Vertrauen in ihre Armee, das auch nach einem solchen (Einzel-)Fall gerechtfertigt bleibt. Gleichwohl besteht Anlaß zu der Befürchtung, daß die Fotos in Afghanistan und in anderen islamischen Ländern ein Erdbeben lostreten. Legen es die dortigen Feinde des Westens darauf an, dann läßt sich aus dem Ereignis ein zweiter Fall Abu Ghraib machen.

„Süddeutsche Zeitung“:
Wenn sich Politiker nun über Untaten deutscher Soldaten empören, so ist das verständlich. Sie sollen tun, was sie können, um solche Ereignisse zu verhindern. Die eigentliche Auseinandersetzung mit den Auslandseinsätzen der Bundeswehr aber hat noch nicht einmal begonnen: Denn Deutschland wollte helfen. Aber wir sind in einen Krieg geraten.

„Kölner Stadt-Anzeiger“:
Ein Skandal - zweifellos. Aber doch empfiehlt sich eine gewisse Vorsicht, bevor sich die übliche Empörungswelle über die Fotos zum Tsunami ausweitet. Wie überraschend ist es denn, dass (zumeist junge) Menschen in militärischen Einsätzen verrohen und manchmal außer Kontrolle geraten? Wohlgemerkt, es geht nicht um die Rechtfertigung ekelhafter Perversionen. Die Geschichte und die Geschichten des Militärs aber liefern immer wieder Beispiele für derartige Fehlleitungen. Und: Wem nutzt die Debatte über die Fotos gerade zum jetzigen Zeitpunkt? Entscheidungen wie die über den Einsatz in Afghanistan sollten möglichst mit klarem Kopf, nicht aber auf dem Boulevard getroffen werden. Eine Stimmungsmache mit Totenschädel- Fotos begibt sich fast schon auf das Niveau der posierenden Soldaten.

„Financial Times Deutschland“:
Der undisziplinierte Totenkopftrupp von Kabul hat seine Kameraden in Gefahr gebracht und nebenbei auch noch das Ansehen Deutschlands beschädigt. Das gehört konsequent aufgeklärt und bestraft. Gegebenenfalls ist auch die Ausbildung der Afghanistankräfte nochmals nachzubessern. Gefragt ist nun allerdings auch eine gehörige Portion Realitätssinn und eine Selbstvergewisserung in der Frage, welche Aufgabe die Bundeswehr in Afghanistan eigentlich hat. Zur Realität gehört, dass sich die westlichen Truppen dort in einer völlig fremden und auch zunehmend feindlichen Umwelt bewegen. Das entschuldigt überhaupt nichts aber es bedeutet, dass mit Entgleisungen oder Patzern immer zu rechnen ist.

Mitteldeutsche Zeitung“:
Die mutmaßlichen Totenschänder in Uniform haben nicht nur gegen den guten Geschmack, Einsatzregeln und wahrscheinlich das Gesetz verstoßen. Sie haben auch jenen Kameraden, die derzeit in Afghanistan im Einsatz sind, einen Bärendienst erwiesen. Denn die ohnehin riskante Mission wird durch derartige Bilder noch gefährlicher. Und für die deutsche Außenpolitik verengt sich mit jedem Vorfall dieser Art der Spielraum auf diplomatischem Parkett. All das ist Wasser auf die Mühlen derjenigen, die das gesamte westliche Engagement in der Region ohne jeden Unterschied verteufeln und bekämpfen. Damit schwindet die Chance, diesen Konflikt zu lösen.

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