Pressestimmen
US-Debatte über Schröder: Spalter oder Friedensengel?

Offiziell kritisiert niemand in Washington Bundeskanzler Gerhard Schröder. Der Sprecher des US-Außenministeriums verwies wortkarg auf die gemeinsame Linie mit Deutschland und der Europäischen Union in den Bemühungen, Iran auf diplomatischem Weg von der Entwicklung von Atomwaffen abzuhalten.

HB WASHINGTON. Aber die konservative US-Presse spricht aus, was sicher auch viele im Weißen Haus denken: Erneut entscheide sich der deutsche Sozialdemokrat für den "Anti-Amerikanismus", um wie bereits 2002 eine schon verloren geglaubte Wahl doch noch zu gewinnen, so das "Wall Street Journal".

Auf jeden Fall haben Schröders Widerworte gegen US-Präsident George W. Bush dazu geführt, dass der deutsche Wahlkampf in der amerikanischen Öffentlichkeit erstmals ausführlich wahrgenommen wird. Mit zuweilen wenig schmeichelhaften Bildern illustrieren viele Blätter die Forderung des Kanzlers, im Konflikt mit Teheran "jede militärische Option vom Tisch zu nehmen" - was in klarem Widerspruch stand zu der Bush-Äußerung, dass "keine Option ausgeschlossen wird".

Für das einflussreiche "Wall Street Journal" hat Schröder damit "die Einigkeit des Westens" untergraben. Diese Spaltung werde Teheran bestärken, kompromisslos zu bleiben. Ohnehin hätten führende iranische Politiker zugegeben, dass die Verhandlungen leidiglich ein "Trick" seien, um Zeit zu gewinnen. Aber "in den Augen des deutschen Kanzlers ist die wirkliche Gefahr nicht ein nuklear bewaffneter Iran, sondern es sind die Bemühungen der USA, die Mullahs davon abzuhalten, den Westen mit Atomwaffen zu erpressen", so der Kommentar. Das kategorische „Nein“ Schöders zum Einsatz von Gewalt gegen Iran "macht es aber nur wahrscheinlicher, dass letztendlich Gewalt angewendet werden muss".

Selbst die liberale "New York Times" sieht Schröder im Wahlkampf "eine alte Karte mit neuem Gesicht" ausspielen - dabei sei die Lage völlig anders als vor dem Irak-Krieg. Kein Land, die USA eingeschlossen, würden Iran ernsthaft militärisch bedrohen. "Neue transatlantische Spannungen" seien nun wahrscheinlich.

Regierungsbeamte in Washington fragen in privaten Gesprächen, warum Schröder das ohnehin fragile Verhältnis zu den USA gefährde. Er wisse doch, dass die Bush-Äußerungen „schon hundertfach gefallen sind“. Und zudem kenne er die Empfindlichkeit von Bush, wenn es um Freundschaft und Loyalität gehe.

Aber es gibt in den USA auch Stimmen, die dem Kanzler lauthals zustimmen. Die "Los Angeles Times" kritisierte die "völlige Blindheit" der US-Außenpolitik, derartige Äußerungen "ausgerechnet in einem Medium Israels, des Erzfeindes Irans und der einzigen wirklichen Atommacht in der Region" zu veröffentlichen. Eine militärische Option gebe es in Wirklichkeit gar nicht, "denn wir sind wegen des Irak-Kriegs und der desaströsen Besatzung in einer viel zu schwachen Position". Schröder habe "genau richtig gefordert", die militärische Option vom Tisch zu nehmen. Auch wenn die neokonservativen Möchtegern-Falken in Washington nicht begeistert seien, gebe es in Wirklichkeit nur die Perspektive des "vorsichtig ausgeweiteten internationalen Drucks auf Teheran".

Die "Pittsburgh Post-Gazette“ kritisierte scharf die unrealistischen Drohungen von Bush, die "die Europäer töricht aussehen lassen". Ein Iran-Waffengang sei derzeit gar nicht vorstellbar. Bush leide wohl im Urlaub "unter der texanischen Hitze oder dem übertriebenen Fitness-Program". Anders sei dieser "Bluff" mit den Drohungen gegen Iran nicht zu verstehen, die "keinen Platz in den seriösen Verhandlungen zwischen den Iranern und Europäern haben".

Auch der "Miami Herald" prangerte Kriegsgedanken als brandgefährlich an, weil sie "höchste Gefahr" für die gesamte Region, für Israel und die Erdölversorgung der Welt mit sich brächten.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%