Pressestimmen zu Pinochet
„Wenn der Sarg zu ist, wird alles leichter“

Der Tod des chilenischen Militärmachthabers Augusto Pinochet findet sich am Montag auf den Kommentarseiten zahlreicher europäischer Tageszeitungen wieder. Die Bilanz seiner jahrelangen Herrschaft fällt dabei durchaus gemischt aus - manche Zeitung gewinnt Pinochet etwas Positives ab.

Der Zürcher Tages-Anzeiger bemerkt: „Jahrzehntelang hat Augusto Pinochet die chilenische Gesellschaft tief gespalten. Ein Teil seiner Landsleute verehrte ihn, weil er ihrer Meinung nach mit dem blutigen Staatsstreich gegen Salvador Allende eine der düstersten Perioden der chilenischen Geschichte beendete und das Land von der Geisel des Marxismus befreite. Andere hassten ihn, weil er und seine Weggefährten die Demokratie zerstörten und unter ihrer brutalen Herrschaft mehr als 3 000 Menschen aus politischen Gründen umgebracht wurden und etwa 1 000 spurlos verschwanden. Der Großteil der Bevölkerung dürfte über seinen Tod erleichtert sein. Ohne ihn, so hoffen sie, wird es einfacher werden, die dunklen Jahre der chilenische Militärdiktatur juristisch und moralisch aufzuarbeiten. Und damit den Grundstein zu legen für eine spätere Versöhnung.“

Die Basler Zeitung befasst sich mit anderen Diktatoren in Lateinamerika: „Jetzt sorgt von Caracas aus der Venezolaner Hugo Chávez für ein Modell, das sich zwischen den beiden Erbschaften einpendelt und über ganz Lateinamerika ausbreitet. Was der exzentrische Caudillo großspurig als 'Sozialismus des 21. Jahrhunderts' verkündet, ist ein Modell, das trotz der schrillen Rhetorik auf die Extreme eines Castro oder eines Pinochet verzichtet. Im Prinzip ist es eine Kulturrevolution, die zur Machtübernahme jener führte, die von kleinen herrschenden Eliten ewig ausgegrenzt und um ihren Anteil an den Bodenschätzen geprellt worden sind: die Indigenen, die Farbigen, die sozial Schwachen, die Frauen. Die Epoche der Extreme in Lateinamerika scheint mit Pinochet und Castro zu verschwinden.“

Das französische Blatt L'Alsace aus Mulhouse bezieht klarer Position: „Man kann nur bedauern, dass dieser Diktator gestorben ist, ohne dass über ihn gerichtet wurde. Das lag nicht daran, dass es nicht genügend Beweise und Zeugen gegeben hätte. Die Dossiers, die ihm Dutzende Jahre Haft eingebracht hätten, sind derart solide, dass die britische Justiz ihn eineinhalb Jahre lang unter Hausarrest stellen konnte, um auf eine Auslieferung nach Spanien zu warten, die nie kam: Seine Freunde wachten über ihn. Pinochet war vollwertiges Mitglied der Kaste des triumphierenden Kapitalismus, die seinerzeit von der englischen Eisernen Lady und den amerikanischen Präsidenten Reagan und Bush dem Älteren verkörpert wurde. Das hat ihn gerettet. Und es hat dem chilenischen Volk 17 Jahre Unglück gebracht.“

In dieselbe Kerbe schlägt das linksliberale Pariser Blatt Libération: „Sein natürlicher Tod macht uns nicht duldsamer, sondern weckt nur ewiges Bedauern dafür, dass dieser Mann, der die in seinem Namen begangenen Taten niemals auch nur im Geringsten bedauert hat, nicht gerichtlich verurteilt wurde. Man darf aber hoffen, dass Augusto Pinochet wirklich der Vergangenheit angehört. Mit allem, was er repräsentierte, und mitsamt der internationalen Unterstützung und Ermutigung, die er genoss. Die Tatsache, dass Chile heute von Michelle Bachelet regiert wird, einer Sozialistin und Tochter eines Pinochet-Opfers, ist in diesem Sinne ein optimistisches Symbol und eine letzte Rache an dem Diktator.“

Auch der Londoner Guardian empfindet Genugtuung angesichts des politischen Wandels in Chile. Die Zeitung schreibt über Pinochet: „Am Ende hatte er nur noch eine Hand voll Anhänger. Er lebte lange genug, um noch mitzubekommen, wie Chile zur Normalität zurückkehrte und wie die Tochter eines Mannes, der unter seiner Herrschaft zu Tode gefoltert worden war, zur Präsidentin gewählt wurde.“

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