Pressestimmen zur Frankreich-Wahl
„Sarkozys Schonzeit ist abgelaufen“

Die Anhänger der französischen Sozialisten haben einen Durchmarsch des Lagers von Präsident Nicolas Sarkozy verhindert: Bei der zweiten Runde der Parlamentswahl am Sonntag verfehlten die Konservativen die von vielen schon sicher geglaubte Zwei-Drittel-Mehrheit. Lesen Sie, wie die Kommentatoren europäischer Zeitungen die Wahl bewerten.

Die konservative französische Tageszeitung Le Figaro aus Paris diagnostiziert: „Was an diesem Wahlsonntag passiert ist, das ist sicherlich kein Scheitern der Konservativen. Es ist aber eindeutig eine Warnung. Alles, was sich zwischen den beiden Durchgängen dieser Parlamentswahl ereignet hat, beweist in der Tat, dass die Linke ihre Fähigkeit zu reagieren und zu mobilisieren nicht verloren hat. Und ihr starker Zuwachs nach dem ersten Wahlgang zeigt ganz deutlich, dass die Franzosen zwar durchaus Reformen befürworten können, dabei jedoch nichts akzeptieren, was nicht zuvor lange herangereift ist.“

Die linksliberale Liberation bemerkt nicht ohne Schadenfreude: „Bevor Sarkozy mit seiner Politik richtig anfangen kann, ist die Schonfrist bereits ein Stück weit abgelaufen. Der Präsident hat unbestreitbar einen Sieg erzielt. Frankreich betritt aber offenen Auges 'Sarkozien', mit einem Schuss Misstrauen. Das ist jedenfalls gut für die demokratische Debatte.“

Auch der Standard aus Wien kommt zu diesem Schluss: „Das unerwartete Aufholen der Sozialisten zeigt wohl, dass die Franzosen dieser Allmacht doch Grenzen setzen wollen. Die Linksopposition wird sich nun auf den Mann einschießen, der allein regieren wollte und sich am stärksten exponierte. Sarkozys Schonzeit ist abrupt abgelaufen. Die Franzosen werden nun auf Nicolas Sarkozy zeigen, wenn die Resultate ausbleiben. Und dann kann sich der psychologische Schub, den der präsidiale Macher - andere nennen ihn Springinsfeld - unter seinen Landsleuten allein schon mit seiner persönlichen Energie bewirkt hat, rasch in sein Gegenteil verkehren.“

Der Tages-Anzeiger aus Zürich weist auf einen Nebenaspekt hin: „Die 'Schlappe' ist umso größer, als Sarkozys Regierung auch noch ihre Nummer 2 verliert: Alain Juppé, Superumweltminister, hat in Bordeaux seine Wiederwahl verpasst und wird - nach den selbst gegebenen Regeln - aus dem Kabinett ausscheiden müssen. In jedem Fall ist das Resultat eine scharfe Warnung für Sarkozy und dessen Regierungschef François Fillon. Das Zweigestirn ist mit dem festen Plan angetreten, Frankreich resolut und tief greifend zu reformieren und dabei auch vor lange gewahrten Tabus nicht zurückzuschrecken. Nun, noch mehr als zuvor, ist klar, wie schwierig die Aufgabe sein wird.“

Die Basler Zeitung kommt zu diesem Schluss: „Frankreichs Bürger wollten mehrheitlich Sarkozy die politischen Mittel geben, um das Land wie angekündigt zu modernisieren. Sie möchten aber nicht, dass die Regierenden in ihrer Macht arrogant werden. Die Linke bleibt in der Opposition, die regierende Rechte hat eine absolute Mehrheit. Aber der demokratische Schein bleibt gewahrt, die Rechte hat keinen Grund zu überschäumendem Triumphalismus.“

Il Messaggero aus Rom fasst den Wahlausgang so zusammen: „Es gab nicht die erwartete überwältigende Welle, die über die Nationalversammlung hätte hinwegrollen sollen, sondern das nächste Parlament wird ausgeglichen, bipolar und von einer starken, viel mehr von Frauen bestimmten Opposition geprägt sein.“

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