Prestigeprojekt
China startet Konkurrenz zur Internationalen Raumstation

Mit einem eigenen Außenposten im All will sich die neue Weltmacht technisch auf Augenhöhe mit den Amerikanern und Russen katapultieren. Für das Milliardenprogramm ist keine weitere Rechtfertigung nötig - den Chinesen ist fürs internationale Ansehen nichts zu teuer.
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HB PEKING. In praktisch allen Bereich will China mit den entwickelten Industrieländern gleichziehen - und folgt dabei immer wieder den Entwicklungsstufen des Westens. Heute befinden sich nicht nur der durchschnittliche Lebensstandard oder die Zahl der Autos pro Kopf auf dem Niveau Mitteleuropas oder der USA in den 60er-Jahren, auch die aktuellen Ziele ähneln denen der damaligen Zeit. .

Während sich vor 40 Jahren Amerika und die Sowjetunion ein Rennen zum Mond lieferten, ist es heute China, das der Welt etwas beweisen will. Dass die Gegner von einst inzwischen kooperieren und ihre Mittel gemeinsam verwenden, ist da zweitrangig.

Sein Land wolle schon in zehn Jahren eine "vergleichsweise große" Raumstation bauen, sagte ein Vertreter der Weltraumbehörde China National Space Administration (CNSA) gegenüber der Nachrichtenagentur "Neues China". Schon bis 2016 sollen die ersten Module im Orbit sein. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen werden in Chinas Gegenstück zur Internationalen Raumstation ISS einen Durchbruch bedeuten, so der Sprecher. Als Trägerraketen werde der bewährte Typ "Langer Marsch" in Komination mit der Raumkapsel "Götterschiff" zum Einsatz kommen.

Anders als in Europa und Amerika gibt es über die Milliardenbudget für die Prestigeprojekte keine Diskussion. Wie die olympischen Spiele 2008 in Peking dienen die Weltraumprogramme der Anerkennung in der Welt - und hier empfinden die Chinesen Nachholbedarf, seit sie im 19. Jahrhundert von den Europäern, Japanern und Amerikanern technisch überholt und schließlich militärisch gedemütigt wurden. "Wenn wir einmal entschlossen sind, machen wir weiter", sagte Qian Weiping, Missionsleiter der unbemannten Mondmission "Chang?e 2" gegenüber der Tageszeitung "China Daily". "Als führendes Land haben wir die Pflicht, an der Erforschung des Weltalls teilzunehmen."

Qian weist aber die Vorstellung von sich, dass China nur in die Fußstapfen anderer Länder tritt. Sein Land engagiere sich aus Pflichtgefühl in der Raumforschung. "Was wir heute machen, haben andere vor 40 Jahren gemacht, aber das heißt nicht, dass wir 40 Jahre hinterherhinken." Das chinesische Programm befinde sich Technisch auf dem neuesten Stand. Doch dann zeigt Qian trotzdem Konkurrenzdenken: Was der Westen an Vorsprung habe, hole China schnell auf.

Derzeit befinden sich in China zwei Bodenstationen im Bau. Wegen der Größe des Landes liegen sie in ausreichendem Abstand für eine Vielzahl von Missionsanwendungen - die eine in Kashgar ganz im Westen des Landes, die andere in der Provinz Heilongjiang ganz im Osten Richtung Wladiwostok. Die Errichtung der Bodenstationen bereitet den Weg für weit gesteckte Ziele. Nach dem Mond seien Mars und Venus die nächsten Forschungsobjekte, sagt Wu Weiren, Chef des chinesischen Mondprogramms. Zusammen mit Russland wird China bereits im kommenden Jahr eine unbemannte Marssonde starten.

Die Weltraumexpertise könnte auch Chinas Militär zugute kommen, das sich derzeit schnell modernisiert. Vor drei Jahren hat China einen eigenen, ausrangierten Wettersatelliten mit einer Rakete abgeschossen - als Test für die Zieltechnik, vor allem aber, um den USA zu demonstrieren, dass es Geheimdienstsatelliten im Krisenfall ausschalten kann. Mit den Fähigkeiten zur Steuerung von Flugkörpern, die für Mond- oder gar Marsmissionen nötig sind, lässt sich noch viel mehr anstellen.

Zunächst ist der Fokus jedoch rein friedlich. Noch 2011 wird China das Modul "Himmelspalast 1" und die Kapsel "Götterschiff 8" hochschießen. Die Götterschiffe sollen in den kommenden Jahren ihre Andockmanöver mit dem Himmelspalast perfektionieren, der dann zur Keimzelle der neuen Raumstation wird. Mit deren Fertigstellung wäre China erst einmal zufrieden. "Damit wäre unser dreistufiges Raumprogramm abgeschlossen", sagt ein Sprecher des bemannten Projekts. Was nicht heißt, dass China sich dann nicht höhere Ziele setzt - und zur Hoffnung der Utopisten werden könnte, die sich im Fernsehen die Wiederholungen von "Raumschiff Enterprise" ansehen. Schließlich schaut China nicht so kleinlich auf den irdischen Nutzen.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking

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