0 Bewertungen
06.12.2006 
Venezuela

Prima leben wie in Kuba

von Ruth Reichstein

Zum dritten Mal ist Hugo Chávez als Präsident Venezuales wiedergewählt werden. Seit er regiert, geht es vielen Venezolanern in den Armenvierteln besser. Ihnen schanzt der populistische Präsident aus den üppigen Öleinnahmen finanzierte Wohltaten zu. Die Mittelklasse Venezuelas bekommt nichts ab – Hugo Chávez spaltet sein Land.

CARACAS. Juan Carlos ist in seinem Element. Der korpulente Mann steht in der Eingangshalle seiner Kooperative, fuchtelt mit den Armen und zeigt auf die Chávez-Porträts an der Wand. „Chávez ist überall, wir verehren ihn, ihm haben wir unsere Existenz zu verdanken“, schwärmt der 23-Jährige und streicht sich die langen Rastazöpfe hinter die Schulter.

Mit Unterstützung der Regierung hat Juan Carlos eine sozialistische Kooperative in einem nördlichen Viertel von Caracas aufgebaut. Um zu lernen, hat ihn sein Präsident Hugo Chávez sogar für zwei Monate nach Kuba geschickt. Nun ist Juan Carlos Chef von etwa 40 Mitarbeitern. Sie halten in ihrem Stadtteil die Straßen sauber.

Juan Carlos ist „Chavist“ und deshalb begeistert vom Ergebnis der Präsidentschaftswahlen in Venezuela am vergangenen Sonntag. Sein Hugo Chávez ist mit 62,5 Prozent der Stimmen zum dritten Mal wiedergewählt worden. Der Herausforderer, der Sozialdemokrat Manuel Rosales, kam nur auf 37,2 Prozent der Stimmen.

Der Mann von der Kooperative hat allen Grund, sich über das Ergebnis zu freuen. Seit Chávez regiert, geht es ihm besser, wie vielen Venezolanern in den Armenvierteln. Ihnen schanzt der populistische Präsident aus den üppigen Öleinnahmen finanzierte Wohltaten zu. Die Mittelklasse Venezuelas bekommt nichts ab – Hugo Chávez spaltet sein Land.

Joseline und Isaac können über den Eifer von Juan Carlos nur den Kopf schütteln. Die beiden frisch Verheirateten, 27 und 29 Jahre alt, leben nur ein paar Kilometer Luftlinie von ihm entfernt im Mittelklasse-Stadtteil Chacao. Die Straßen sind sauber, die Gebäude erinnern an die City einer amerikanischen Großstadt.

Das Pärchen sitzt in einer Fast-Food-Filiale und schimpft über den Präsidenten. „Wir haben eine Regierung für die Armen, aber keine für die Mittel- und die Oberklasse. Das Land ist tief geteilt“, sagt Joseline und nippt an ihrem Cappuccino.

Chávez scheint die Mittelklasse, die ihm 1998 noch zu seinem ersten Wahlsieg verholfen hatte, vergessen zu haben. Er beschimpft sie lieber in seinen Reden und schlägt sich ganz auf die Seite der Ärmsten im Land. Ihnen – und nur ihnen – verspricht er eine bessere Zukunft.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Chávez könnte viel mehr tun.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne

Beiträge zum Thema

Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

Blogkommentare zu diesem Artikel

Vorhersage Europa

weiterBildergalerien

zurück
  • Reif für die Senioren-Union? 60 Jah...

    Reif für die Senioren-Union? 60 Jahre Seehofer

    Als er als Ministerpräsident nach Bayern kam, schmiss er alle über 60-Jährigen aus dem Kabinett. Jetzt erreicht der bayrische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Horst Seehofer selbst die magische Grenze. Doch das wird er durchstehen – wie er schon so manch...Bildergalerie 

  • G8-Gipfelorte: Inseln, Festungen, P...

    G8-Gipfelorte: Inseln, Festungen, Paläste

    G8-Gipfel sind nicht ohne Demonstranten denkbar. 1999 fand der letzte „normale“ Gipfel statt – in Köln. Seither igeln sich die Staatschefs an schwer zugänglichen Orten ein. Ein Rückblick.Bildergalerie 

  • Große Koalition: Bilanz mit Schönhe...

    Große Koalition: Bilanz mit Schönheitsfehlern

    Die Finanz- und Wirtschaftskrise bestimmt die Tagesordnung des Parlaments seit bald einem Jahr - und hat mit dazu beigetragen, dass die Große Koalition mehr Gesetze beschlossen hat als einst die Regierung von Kanzler Gerhard Schröder in der Legislaturperiode ...Bildergalerie 

vor

 

 

weiterGlobal Reporting

Hässliches Gesicht 

03.07.2009Global Reporting

Die Bluttat von München schockiert die Schweiz. „Mordversuch“, „Schläger ohne Reue“, „Empörung über Schweizer Schläger in München“, titeln die Zeitungen. Blog


weiterMadagaskar

Keine Revolution, kein Live-Blog 

02.07.2009Madagaskar

Der Aufstand gegen die Wahlfälschung hat Iran verändert, aber (noch) keine Revolution ausgelöst. Daher berichte ich hier nur noch vereinzelt über den Machtkampf in Teheran. Blog


Handelsblatt Marktplatz

Die Suchmaschine mit über 200.000 Angeboten der besten Jobbörsen und Zeitungen. Weiter