Prisma der arabischen Welt
Verheerende Erstbilanz des Libanonkrieges

Nun schweigen erstmals die Waffen im "sechsten israelischen Krieg gegen ein arabisches Land", wie der Nachrichtensender Aljazeera seine Berichterstattung 34 Tage lang stündlich einleitete. Die vorläufige Bilanz des Duells zwischen der israelischen Regierung und der Hisbollah ist menschlich und politisch verheerend.

Der israelische Waffengang zur Befreiung von zwei zuvor von der Hisbollah entführten Soldaten führte zum Tode von über tausend Libanesen, über hundert Israelis und zur Vertreibung oder Verlegung von Millionen Menschen auf beiden Seiten. Insbesondere auf libanesischer Ebene war das Leiden der Zivilbevölkerung unbeschreiblich. Die gezielte Bombardierung der schiitischen Regionen durch die israelische Armee versetzte die Menschen wochenlang in Angst und Schrecken. Ihr Gefühl der Verfolgung und ihr Entsetzen über das Versagen der Weltgemeinschaft, den vom internationalen Recht garantierten Schutz der Zivilbevölkerung in Kriegszeiten durchzusetzen, wird mit aller Wahrscheinlichkeit ihre Verbindung zur Hisbollah stärken und deren Entwaffnung schwer machen.

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Auch die Menschen auf israelischer Seite haben gelitten. Weder die Übermacht ihrer Armee noch die bedingungslose US-Unterstützung der unrealistischen Ziele des israelischen Krieges haben ihnen Tod und Vertreibung erspart. Durch den Krieg hat sich der Glauben der Mehrheit der Israelis, ihr Frieden könne allein durch militärische Überlegenheit gesichert werden, als Illusion entpuppt. Ihre Enttäuschung über die Ergebnisse der militärischen Aktion zur totalen Vernichtung der Hisbollah wird mittelfristig das rechtsnationale Lager in Israel zusätzlich stärken.

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Die politischen Folgen des Libanonkrieges sind für die Sache eines gerechten und dauerhaften Friedens zwischen Israelis und Arabern katastrophal. Die Hisbollah verwandelt sich allmählich von einer schiitischen libanesischen Organisation in eine politische Ideologie, die die Notwendigkeit des antiisraelischen Kampfes in der ganzen islamischen Welt als Alternative zur offiziellen Politik darstellt.

Deshalb geraten die "gemäßigten" arabischen Regime in Kairo, Amman und Riad mehr und mehr unter den Druck der arabischen Straße, die ihnen Verrat an den arabischen Interessen vorwirft. Die jetzige Situation ähnelt stark den Zuständen nach dem ersten israelisch-arabischen Krieg 1948. Damals stürzte das Militär die arabischen Regierungen in Ägypten, Irak, Syrien und anderen arabischen Ländern und legitimierte dies mit der Befreiung Palästinas von der israelischen Besatzung. Natürlich wird sich die Geschichte nicht buchstäblich wiederholen. Aber man kann sagen, dass im israelisch-arabischen Konflikt durch den Libanonkrieg die Rückkehr in seine erste Phase droht. Dafür spricht auch der Zusammenbruch des Friedensprozesses, der selbst von der arabischen Liga zuletzt für tot erklärt wurde.

Ohne eine rasche politische Intervention der internationalen Gemeinschaft wird die Lage im Nahen Osten mit jedem Tag unberechenbarer. Dabei haben die USA und die EU in dieser Region viel zu verlieren. Es geht jetzt um Friedenskonzepte, die das Existenzrecht Israels mit den legitimen Rechten der Palästinenser in Einklang zu bringen und keinesfalls um ein Feilschen um doppeldeutige UN-Resolutionen, die die explosive Situation im Nahen Osten nur noch schwieriger machen.

Dr. Abdel Mottaleb El Husseini (56) ist im Libanon geboren und lebt als freier Journalist und Autor in Deutschland. Er beschäftigt sich mit den politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Fragen der arabischen Welt.

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