Produktionsausfälle treiben Weltmarktpreis
Nigerias Rebellen setzen Ölindustrie zu

Nigerias ölreiches Nigerdelta kommt nicht zur Ruhe. Ein Autobombenanschlag in der vergangenen Woche weckte erneut Befürchtungen vor Lieferengpässen und befeuerte die jüngste Ölpreisexplosion. Ungeachtet der Gewalt kündigte die Regierung ein Energieabkommen mit China an.

KAPSTADT. Zudem nutzte das Land seine Öleinnahmen, um am Wochenende seine gesamten Schulden beim Pariser Club zu begleichen. Die Verantwortung für den Autobombenanschlag in der Hafenstadt Port Harcourt vom Donnerstag übernahm inzwischen die Gruppe „Movement for the Emancipation of the Niger Delta“ (Mend). Die Bewegung kämpft für eine Verbesserung der Lebensverhältnisse im Delta und hat in der Vergangenheit mehrfach mit Anschlägen auf Einrichtungen westlicher Ölfirmen und Entführungen auf sich aufmerksam gemacht. Viele Einheimische hegen tiefe Ressentiments gegen die ausländischen Konzerne, weil die Bevölkerung in den letzten 40 Jahren kaum vom Ölreichtum der Region profitiert hat.

Als Reaktion auf die Rebellenangriffe hatte Nigerias Präsident Olusegun Obasanjo versprochen, im Nigerdelta für 1,8 Mrd. Dollar Straßen zu bauen sowie tausende von Jobs zu schaffen. Die militante Widerstandsbewegung hat dieses Angebot allerdings als unzureichend zurückgewiesen: Der Kampf der Milizen ginge inzwischen über die bloße Entwicklung des Deltas hinaus, sagte Oronto Douglas, der zwischen Rebellen und Regierung vermittelt. Auch der Oppositionspolitiker Gani Fawehinmi nannte das Angebot der Regierung ungenügend – allein weil rund 75 Prozent der Jugendlichen in der Region keinen Job hätten.

Wegen der fortgesetzten Angriffe auf ausländische Ölanlagen in den letzten vier Monaten ist Nigerias Ölförderung bereits um 20 Prozent gesunken. Dies hat dem fast ausschließlich auf Öleinnahmen angewiesenen Staat Einnahmeverluste von mehreren Millionen Dollar beschert. Zu Jahresbeginn hatte der stark von den Unruhen betroffene Ölkonzern Shell seine Tagesförderung aus Sicherheitsgründen zeitweise um 230 000 Barrel reduziert – rund zehn Prozent der nigerianischen Gesamtproduktion von derzeit 2,5 Millionen Barrel. Nigeria exportiert sein Rohöl vor allem in die USA. Die Unruhen im Nigerdelta, das für 75 Prozent der Gesamtproduktion des Landes verantwortlich ist, gelten unter Beobachtern zusammen mit der Iran-Krise und der Lage in Venezuela als Hauptgrund für die zuletzt auf neue Höchststände gestiegenen Rohölpreise.

Die Mend-Rebellen haben gedroht, die Ölförderung komplett zum Erliegen zu bringen. Die Gruppe drängt den Ölkonzern Shell, für die angeblich von ihm im Delta angerichtete Umweltzerstörung 1,5 Mrd. Dollar an den nigerianischen Bundesstaat Bayelsa zu zahlen. Von der nigerianischen Regierung verlangen die Aufständischen die Freilassung eines Milizenführers, der für eine stärkere Beteiligung der lokalen Bevölkerung am Ölreichtum eintritt. Präsident Obasanjo hat seit seinem Amtsantritt vor sieben Jahren weitgehend erfolglos versucht, die Deltaregion am Ölreichtum zu beteiligen. Insgesamt hat der mit fast 140 Millionen Menschen bevölkerungsreichste Staat Afrikas allein in den letzten 30 Jahren mehr als 300 Mrd. Dollar an Öleinnahmen erhalten. Gleichzeitig ist sein Sozialprodukt von 800 auf wenig mehr als 300 Dollar pro Kopf im Jahr geschrumpft.

Das geplante Energieabkommen mit China umfasst nach Angaben des nigerianischen Ölministers Edmund Daukoru unter anderem eine Raffinerie und ein Offshore-Ölvorkommen im Tiefwasserbereich. Am 19. Mai werde es eine kleine Bieterkonferenz geben, anschließend würden die Verträge unterzeichnet. Vertragspartner sei China National Petroleum.

Trotz der jüngsten Einnahmeausfälle war Nigeria in der Lage, am Wochenende Schulden beim Pariser Club in Höhe von 4,6 Mrd. Dollar zu begleichen. Das westafrikanische Land verwendete dazu seine im Ölboom auf fast 30 Mrd. Dollar angeschwollenen Währungsreserven. Im Gegenzug wird der Pariser Club Nigeria rund 18 Mrd. seiner auf rund 30 Mrd. Dollar geschätzten Staatsschulden erlassen.

Die im Pariser Club zusammengeschlossenen 19 Industrieländer würdigen mit dem von ihnen gewährten Schuldenverzicht die ersten zaghaften Wirtschaftsreformen, die Nigeria unter anderem durch den Umbau seines Bankensektors zuletzt unternommen hat. Daneben hatten die Gläubiger aber auch die Stabilität der Region im Auge. Eine Studie des amerikanischen National Intelligence Council hatte 2005 davor gewarnt, dass eine Verschärfung der Krise in Nigeria „weite Teile Westafrikas in den Abgrund reißen“ könne.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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