Produktpiraterie
Wider die optische Täuschung

Politiker und Behörden verstärken ihren Kampf gegen Produktpiraterie und Markenklau. Doch es bleibt ein aussichtsloses Unterfangen, denn die Fälscher sind ihnen stets einen Schritt voraus. Eine Handelsblatt-Reportage über das Geschäft mit der gefälschten Ware.

PARIS / PEKING. In der Frachtzone des Pariser Großflughafens „Charles de Gaulle“ rollen Roboter durch die fußballfeldgroßen Hallen. Sie sorgen für einen reibungslosen Materialfluss. Menschen sind hier kaum zu sehen. Sie greifen nur ein, wenn es ein Problem gibt – wie bei einigen Paketen, die so eben aus Hongkong eingeflogen wurden.

Fabienne Beltran, kurz geschorene dunkle Haare, blaue Jacke mit der Aufschrift „Douane“, blickt grimmig durch ihre eckige Brille. Ihre Kollegen öffnen eines der Pakete, zum Vorschein kommen Herrenarmbanduhren mit dunkelblauem Zifferblatt. Auf der Rückseite ist „America’s Cup Challenge“ zu lesen. „Sollte mich wundern, wenn für diesen edlen Segelwettbewerb die Uhren in China produziert würden“, sagt Beltran und gibt Order, dass die Ware zunächst festgehalten wird.

Jetzt müssen die Zöllner schnell handeln: Bei Verdacht auf Produktpiraterie dürfen sie die Ware drei Tage festhalten. Der Hersteller des echten Markenprodukts muss Anzeige erstatten und beweisen, dass es sich um Fälschungen handelt. „Dann können wird die Ware beschlagnahmen“, erklärt Gilbert Beltran, Chef der Zollbehörde am Flughafen Charles de Gaulle – und Gatte der Zollbeamtin. „Wir stoßen hier jeden Tag auf verdächtige Lieferungen“, sagt er. Im Lager stapeln sich bereits knapp 50 Tonnen mit beschlagnahmten T-Shirts, Uhren und Spielwaren – alles Fälschungen. „Der Platz im Lager wird nun knapp“, erklärt Beltran.

Im Kampf gegen die Produktpiraterie ist das französische Zöllner-Ehepaar nur ein kleines Rädchen in der weltweiten Maschine, die zunehmend an Fahrt gewinnt. Produktfälschung ist zu einem Megathema für Industrie und Politik geworden. Bundeskanzlerin Angela Merkel will es zu einer ihrer Prioritäten der deutschen Präsidentschaft der wirtschaftlich wichtigsten Staaten (G8) im nächsten Jahr machen. Die EU arbeitet an einheitlichen Strafen gegen Produktpiraten. Die französische Regierung hat den Kauf nachgemachter Ware unter Strafe gestellt. Und die Industrie hat erste juristische Achtungserfolge gegen Fälscher erzielt.

Doch es scheint ein aussichtsloser Kampf zu sein. Nach Angaben des Welt-Zoll-Verbandes haben die Grenzschützer der EU im Jahr 2004 zehnmal mehr Ware beschlagnahmt als 1998. Doch niemand glaubt ernsthaft, dass diese Erfolge nachhaltig den Markt für gefälschte Taschen, Medikamente, Uhren, Autoteile, Sonnenbrillen bremsen können. Es mutet an wie das Rennen zwischen Hase und Igel – im Reich der Produktpiraten ist man immer einen Schritt voraus, kann Weltkonzerne, Polizisten, Fahnder immer wieder linken, schädigen, betrügen.

Die Fälscher reagieren schnell auf neue Trends, sie gehen mit der Mode. Zur Fußball-WM sei eine neue Flut an imitierten Fanartikeln auf Europa zugerollt, erzählt Zöllnerin Beltran und wedelt mit einer Plastiktüte mit rosafarbenen Armbändern und dem Aufdruck „Germany 2006“.

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