Protest der Moslems
Islamexperten sehen neuen „Fall Rushdie“

Der Konflikt um die Mohammed-Karikaturen zieht immer weitere Kreise: In zahlreichen Ländern schlägt die Wut von Moslems in Gewalt um. Der Chefredakteur einer jordanischen Zeitung wurde gefeuert, weil er die Zeichnungen nachdrucken ließ. Und in Dänemark zeigen die Boykotte erste Auswirkungen auf die Wirtschaft.

HB DÜSSELDORF. Die Woge der Empörung über die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen im Westen ist nach den Freitagsgebeten in der islamischen Welt weiter angeschwollen. Bei den mit Abstand größten Demonstrationen in Iran zogen landesweit hunderttausende Menschen auf die Straße. Proteste gab es auch in Indonesien, im Irak, Syrien, Ägypten, den Palästinensergebieten und Pakistan.

Ein einflussreicher ägyptischer Geistlicher rief die Gläubigen dazu auf, ihrem Zorn Luft zu machen und sich löwenhaft gegen die Beleidigungen zu wehren. In Indonesiens Hauptstadt Jakarta versuchten einige hundert Menschen, drei skandinavische Botschaften zu stürmen. Am Vorabend hatten in Nablus im Westjordanland radikale Palästinenser einen Deutschen angeblich aus Protest gegen die Zeichnungen in ihre Gewalt gebracht und nach einer Stunde wieder freigelassen.

Der dänische Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen, in dessen Land die von Muslimen als gotteslästerlich empfundenen Karikaturen vor vier Monaten zuerst erschienen waren, warnte in Kopenhagen vor einer globalen Ausweitung des Konfliktes. Dies könne bei einer weiteren Eskalation zu „unüberschaubaren Konsequenzen“ führen, sagte Rasmussen vor den 76 in Dänemarks Hauptstadt akkreditierten Botschaftern.

Mehrere europäische Zeitungen legten unterdessen nach und veröffentlichten erneut mehrere der Karikaturen. Dass die Reaktion auf die Zeichnungen mehrere Monate nach der Erstveröffentlichung so heftig ausfällt, deuten Islamwissenschaftler als Zeichen dafür, dass die Angelegenheit mittlerweile von bestimmten Kreisen in der islamischen Welt instrumentalisiert wird.

Der belgische Islam-Experte Herman De Ley sieht in dem Konflikt ein Ablenkungsmanöver arabischer Regierungen. „Dass Saudi-Arabien sich über die Zeichnungen so aufregt, ist natürlich in erster Linie innenpolitisch motiviert“, sagte der emeritierte Professor der Universität Gent und frühere Dirktor des dortigen Islamischen Zentrums in einem Interview der Zeitung „De Morgen“. „Das Regime - und es ist bei weitem nicht das einzige in der arabischen Welt - hat einen besonders schlechten Ruf im eigenen Land und missbraucht den Aufruhr um die Cartoons klar“, sagte De Ley über die Regierung in Riad. „Die vermoderten Regierungen in der Muslimwelt“ würden die wirtschaftlichen Sanktionen aufgreifen, um von ihrer geringen Beliebtheit in der Bevölkerung abzulenken.

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