Protest gegen Fangquoten
Frankreichs Fischer: „In der Krise dürfen wir nicht arbeiten“

Seit Dienstag blockierten Frankreichs Fischer die Häfen des Landes um gegen die aus ihrer Sicht zu restriktiven Fangbeschränkungen durch die Europäische Union zu protestieren. Nun haben sie ihre Hafenblockade vorerst aufgehoben – doch der soziale Druck im Land bleibt hoch.

PARIS. Am Donnerstagmorgen löst sich ein Fischerboot nach dem anderen aus dem Blockadering. Die erste Fähre zwischen Frankreich und Großbritannien kann in See stechen, Tausende von Reisenden, die am Ärmelkanal festsaßen, atmen auf. Seit Dienstag hatten französische Fischer die Häfen Calais, Dünkirchen und Boulogne-sur-Mer blockiert, um gegen aus ihrer Sicht zu restriktive Fangquoten zu protestieren. Vor den Fähranlegern stauten sich die Lastwagen, die auf die Überfahrt nach England warteten.

Grund für die Proteste sind die von der Europäischen Union vorgegebenen Fangquoten für Seezunge und Kabeljau, die schon im April teils ausgeschöpft sind. „Wir haben keine andere Wahl als die Proteste“, sagt Jacques Bigot von der Gewerkschaft CFDT. „Wenn wir uns an die Fangquoten halten, müssen wir dichtmachen.“ Doch weil die Route zwischen Dover und den Häfen in Frankreich zu den wichtigsten Verbindungen zwischen Großbritannien und dem europäischen Festland zählt, machten die Fährgesellschaften Druck. Ein Gericht in Boulogne-sur-Mer hatte schon Geldbußen von bis zu 5 000 Euro pro Stunde und Schiff angeordnet, sollte die Blockade nicht beendet werden. Auch deshalb lenkten die Fischer gestern wohl ein, kündigten aber an, ihre Proteste in anderer Form fortzusetzen, etwa auf den Straßen.

Denn für sie geht es ums Überleben. Sie wollen die Quoten, die seit 30 Jahren stetig reduziert wurden, nicht akzeptieren. „Wir sind mitten in der Wirtschaftskrise und man lässt die Leute, die arbeiten können, nicht arbeiten“, klagt Fischer Franck Ramet. Die Franzosen wollen rund 20 Prozent mehr Kabeljau und rund fünf Prozent mehr Seezunge fangen dürfen. Fischereiverbände und Umweltschützer streiten darüber, wie hoch die Fischbestände tatsächlich sind.

Die französische Regierung hat vier Mio. Euro für Entschädigungszahlungen in Aussicht gestellt, doch damit sind die Fischer nicht zufrieden: Sie wollen keine Subventionen, sondern weiter arbeiten. Ihre eigentliche Forderung, die Fangquoten zu erhöhen, hat Paris abgelehnt. Denn die Quoten werden nicht von Frankreich, sondern von der EU-Kommission festgelegt. Einmal im Jahr im Dezember stimmen die zuständigen Minister der Mitgliedsstaaten über die Mengen für die verschiedenen Regionen ab. Für das Jahr 2009 hat Frankreich sogar seit langem mal wieder eine Erhöhung ausgehandelt.

„Wir haben für 2009 schon die Quoten im Vergleich zu 2008 um 30 Prozent erhöht“, sagt Landwirtschaftsminister Michel Barnier. Frankreich steht in der EU bei den Quoten für Kabeljau nach Großbritannien mit 33 Prozent und Dänemark mit 23 Prozent schon jetzt mit rund 13 Prozent an dritter Stelle - noch vor Deutschland mit nur acht Prozent. Aus Brüssel ist keine Hilfe zu erwarten. Dort hieß es: Zu spät. Man müsse sich beschweren, bevor die Minister über die Fangquoten abstimmen. Deshalb schlägt Barnier vor, mit anderen Ländern der EU zu verhandeln, um Quoten für bestimmte Arten zu tauschen.

Für Frankreichs Regierung ist die massive Fischerblockade ein zusätzlicher sozialer Brennpunkt. Die Stimmung überall im Land ist aufgeheizt. An vielen Universitäten wird seit zwei Monaten gegen die geplante Hochschulreform der Regierung gestreikt. Es ist noch nicht sicher, ob den Studenten dieses Semester überhaupt angerechnet werden kann. Seit Wochen ist auch das Klima in den Unternehmen explosiv. Zahlreiche Manager wurden in Betrieben, die Entlassungen ankündigten, bei Streiks schon als Geisel genommen. Dabei können die Angestellten sogar auf die Unterstützung durch die streikfreudige französische Öffentlichkeit rechnen. Laut Umfragen haben 63 Prozent der Franzosen Verständnis für die radikale Maßnahme, nur sieben Prozent verurteilen sie.

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