Protestbewegung
„Occupy Wall Street“ lebt vom Medien-Hype

Ein paar Tausend Menschen demonstrieren gegen die Banken, und schon dominieren sie alle Nachrichtensendungen. Die Medien haben nichts dazu gelernt, die "tägliche Desinformation" geht weiter. Ein Kommentar
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Vor gut einem Vierteljahrhundert setzten sich sechs junge Journalisten zusammen, um unter der Führung ihres Lehrherrn Wolf Schneider ein kritisches Buch über ihr eigenes Gewerbe zu schreiben. Es trug den Titel "Unsere tägliche Desinformation" und beschäftigte sich mit der Frage, wie uns die Massenmedien gewollt oder ungewollt in die Irre führen. Gleich zwei Kapitel gingen der Frage nach, warum sich Journalisten immer wieder für Pseudoereignisse einspannen lassen. Und am Schluss ihres Buches forderten die Autoren ihre Standesgenossen auf, bloße politische Inszenierungen nicht mit wirklichen gesellschaftlichen Bewegungen zu verwechseln.

Leider war der Appell der jungen Journalisten, zu denen damals auch der Autor dieser Zeilen zählte, weitestgehend vergeblich. Den Beweis dafür lieferte an diesem Wochenende die mediale Behandlung der sogenannten "Occupy-Frankfurt-Bewegung". Wenige Tausend Demonstranten, darunter die üblichen Verdächtigen von Attac und der Linken, forderten auf Protestkundgebungen in einigen großen Städten die Entmachtung und Verstaatlichung der Banken.

Das kann man für wichtig halten oder auch nicht. Aber rechtfertigt es das übergroße Interesse, das vor allem im Fernsehen zu beobachten war? Schon vor den eigentlichen Demonstrationen durfte sich ein Sprecher der Organisation in verschiedenen Talkshows und Nachrichtensendungen mit seinen eher simplen Thesen produzieren - und so quasi kostenlos für seine Zwecke die öffentlich-rechtliche Werbetrommel rühren. Und nach den Demonstrationen folgten dann natürlich ausführliche Berichte auf allen Sendern. Die Medien sinken so, ob sie es wollen oder nicht, auf das Niveau einer bloßen Verstärkerfunktion für kleine Gruppen ohne eigene Basis herab.

Und die wohlmeinenden Unterstützer der Demonstranten erst recht. Zu ihnen gesellte sich am Wochenende beispielsweise DGB-Chef Michael Sommer. Er warf den "skrupellosen Investmentbanken" vor, "ohne jede demokratische Legitimation" unsere Gesellschaft zu spalten. Ähnlich äußerte sich SPD-Chef Sigmar Gabriel. Aber sieht es mit der demokratischen Legitimation solcher Anti-Banken-Bewegungen besser aus? Darauf verschwendet kaum jemand einen Gedanken.

Eigentlich ist es zum Heulen: Die Berichte aus dem Bundestag laufen selbst bei wichtigen Debatten nur noch im Kurznachrichtenblock. Und das Europaparlament, das in der jetzigen Finanzkrise eine immer wichtigere Rolle spielt, schafft es in der Regel überhaupt nicht in die Hauptnachrichten. Aber man muss nur ein paar Hundert Gleichgesinnte aus der linken Szene über Facebook zusammentrommeln, und schon kann man sich im Fernsehen produzieren.

"Wir werden nicht richtig informiert. Wir leben mit der täglichen Desinformation", schrieben die jungen Journalisten 1984. So ist es auch heute.

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  • @stubi
    Wahrnehmungstörung? Wer hat denn CDS geschaffen? wer hat denn Tochterfirmen im Ausland gegründet, um so seine Risiken zu verstecken? Wer hat denn Möglichkeiten geschaffen das Geld in weltweiten Steueroasen zu schaffen? Wer hat denn dafür gesorgt, dass die Gewinne privatisiert und in Steueroasen verschoben wurden? Wer sorgt dafür, dass die Kosten aber die Allgemeinheit zu tragen haben? Wer hat uns Jahrzehnte erklärt, der Mitarbeiter sei ein Berater? Statt dessen nur Verkäufer und im Zweifel nur an die Bonuszahlungen interessiert? Es würde dieses Forum sprengen, alles aufzuzählen warum wir eine Finanzblase nach der anderen platzt! Wer spekuliert mit Rohstoffen, während die Millarden Menschen die Grundnahrungsmittel nicht mehr bezahlen können? Privat Banken in erster Linie!

  • Wer Probleme wirklich sinnvoll und nachhaltig lösen will, dessen Kompetenz und dessen Lösungsansatz müssen der Komplexität des Problems angemessen sein.

    Wahrnehmungstörung?

    Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen:" Kompetenz und Komplexität" Wer erzählt uns doch schon Jahrzehnte, dass die geballte Kompetenz in Regierung und Wirtschaft sitzt? Wie konnte es dann zu dieser Krise kommen. Eine kompetente Person, ist nur dann so zu bezeichnen, wenn sie vorher erkennen und dann die richtigen Weichen stellen? Wenn sie das nicht können oder vieleicht garnicht wollen oder wollten, dann kann man diese geballte Kompetenz, nur als Versager bezeichnen! Oder vielleicht wissen sie alle genau was sie tun, nämlich nicht zum "wohle des Volkes" sondern sich nur bereichern? Wieso gibt es Finanzprodukte, die nicht einmal die Banker verstehen? Wieso gibt es Steueroasen weltweit? Warum gibt es so viele Möglichkeiten im Steuerrecht "arm" zu rechnen? Wenn es um ihre eigenen Profite geht, da haben sie die gezeigt welche Kompetenz in ihnen alle steckt?

  • Von der Wall Street bis Frankfurt – weltweit protestieren Hunderttausende gegen die Macht der Banken. Die Demonstranten blicken besser durch, als viele Finanzprofis und Fachpolitiker und wie man hier auch lesen kann,wie viele Journalisten. Sie wissen: Das System muss vom Kopf auf die Füße gestellt werden! Eine Existenzberechtigung sollten Banken nur haben, wenn sie der Gesellschaft Nutzen bringen, wenn sie Kredite an die Realwirtschaft geben und Ersparnisse aufnehmen. Dieses „Kerngeschäft“ muss durch Regulierung wieder ins Zentrum gerückt werden. Denn die Deutsche Bank verlieh 2010 nur noch 4,1 Prozent ihrer Bilanzsumme an die Realwirtschaft. Ähnlich wie die Konkurrenz verdient der Branchenprimus sein Geld fast nur mit spekulativem Investmentbanking: 86 Prozent des Gewinns der Bank kam 2010 von dort (s. Grafik). Statt Nutzen zu bringen, tragen Finanzmarktakteure mittlerweile zur Zerstörung des Gemeinwesens bei: Erst wurde durch Zockerei ein Wirtschaftscrash verursacht. Dann wurden Griechenland, Portugal und andere Länder von der Geldversorgung abgeschnitten. Die Regierungen werden zu massiven Ausgabenkürzungen gezwungen – Millionen sind arbeitslos, die Wirtschaft implodiert, die Armut und die Selbstmordrate steigen. Die deutsche und andere Regierungen unternehmen nichts gegen dieses Leiden. Im Gegenteil: Sie haben die Kürzungen im Namen der Anleger sogar verordnet. Die Krisenstaaten müssten sich durch Selbstkasteiung das Vertrauen der Finanzmärkte erkaufen, heißt es. Dabei wäre es höchste Zeit, die Abhängigkeit der Staatsfinanzierung von den Finanzmärkten zu lösen.

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