Proteste gegen Putin
Russland, ein Wintermärchen

Der Protest gegen Wahlfälschungen und das Regime Waldimir Putins spitzt sich zu. Bei der Demonstration am Samstag ist der Tonfall deutlich schärfer. Lange kann Russland Machthaber diese Bewegung nicht mehr ignorieren.
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MoskauEs hätte dem Dissidenten und Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow vermutlich gefallen, das Menschenmeer zu sehen, das sich am Samtagnachmittag über die nach ihm benannte Straße im Nordwesten von Moskau ergossen hat. Weit mehr als 100 000 Demonstranten strömten mit frostroten Wangen und weißen Bändern auf die Fahrbahn zwischen klotzigen Neubauten, um gegen die Wahlfälschungen bei den Parlamentswahlen am 4. Dezember zu protestieren.

Auch in Dutzenden anderen russischen Städten gingen Menschen auf die Straße. Und selbst wenn die Polizei die Zahl der Unzufriedenen in der Hauptstadt nur mit lächerlich untertriebenen 60 000 beziffert hat: Russlands Machthaber, Regierungschef Wladimir Putin, wird die Protestbewegung nun nicht mehr ignorieren können.

Dass die Wut seit der der jüngsten Massendemonstration vor zwei Wochen noch größer geworden ist, hat er sich selbst eingebrockt. „Putin hat uns nicht nur nicht zugehört und unsere Forderungen nach Überprüfung der Wahlergebnisse nicht erfüllt, er hat uns auch noch verhöhnt“, sagt Anton, 20, Mathematikstudent. Vor seinem Bauch trägt der junge Mann eine Papptafel, auf der ein Schaf abgebildet ist und ein Kondom.

Premier Putin hatte kürzlich in einer Fernsehsprechstunde der Opposition unterstellt, ihre Anhänger wie Schafe zu behandeln. Die weißen Bänder der Demonstranten, Symbol für den Kampf um saubere und ehrliche Wahlen, hatte der Regierungschef hilflos witzelnd als Präservative bezeichnet.

Auf diesen Spott haben viele Demonstranten wie Anton mit bösen Karikaturen reagiert. Seine Mitstreiter hat der Student im Freundeskreis und im sozialen Netzwerk Facebook und dessen russischem Pendant vkontakte gefunden. Seit Tagen treffen sie sich in Kneipen und privaten Wohnungen, um Handzettel und Transparente zu entwerfen. Hunderte vor allem junge Leute haben sich zusammengetan, um den Protest zu befeuern und möglichst viele Mitbürger auszurütteln. „Die meisten von uns haben früher noch nie demonstriert. Aber wir haben begriffen, dass es nun an der Zeit ist etwas zu ändern“, sagt Anton.
Auf dem Sacharow-Prospekt steht an diesem Nachtmittag aber nicht nur die Facebook-Generation: Ljumila und Jewgenia, zwei ältere Damen, Kolleginnen in einem wissenschaftlichen Institut, haben sich bis in die Nähe der kleinen Bühne vorgekämpft. Sie sind zuletzt 1993 auf die Straße gegangen, als Boris Jelzin im Dauerstreit um seine Verfassungsreform Granaten auf das Weiße Haus, den russischen Regierungssitz, abfeuern ließ.

Jetzt haben die Damen im Pelzmantel die Nase voll von den Betrügereien der Regierung. Ljudmila war für die eigentlich regierungstreue Partei Gerechtes Russland als Wahlbobachterin in einem Moskauer Wahllokal. Mit beiden Händen zeigt sie entrüstet, wie dick die Stapel mit den vorab ausgefüllten Wahlzetteln waren, die die Regierungspartei in die Urnen geschummelt hat. „Ich habe mit zwei anderen Beobachtern darauf hingewiesen, aber man hat uns rausgeschickt“, klagt die graugelockte Frau. So gehe das nicht weiter.

Die bunten Flaggen der Parteien und Bündnisse, die über den Köpfen der Menschen wehen, lassen erahnen, wie viele unterschiedliche politische Fraktionen und Meinungen sich hier versammelt haben: Liberale, Kommunisten, Demokraten, Nationalisten. Die Liste der Redner reicht vom Literaten Boris Akunin über den ehemaligen Schachweltmeister Garri Kasparow und den ehemaligen Finanzminister Alexej Kudrin bis hin zum Nationalisten Wladimir Torn.

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Was die Aktivisten eint - und trennt

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  • Ich kann Ihnen nur zustimmen.
    Was da fuer Kommentare abgegeben wurden ,geht auf keine Kuhhaut.
    Bitte auch den blog aus Moskau lesen.
    Man sollte diese Siruation differenziert betrachten und nicht sinnlos auf die US of A und auf andere Politiker herumhacken.
    Manchmal sollte wirklich der Redakteur einige Zeilen streichen.
    Ob da wirklich in Moskau eine neue Richtung in der Politik Raum bekommt ist noch voellig unklar.
    Die Zeit wird zeigen ,ob der Kreml ueberhaupt reagiert oder die Proteste unter den Teppich kehrt.
    Jetzt muss sich die Opposition,wenn moeglich,erst mal organisieren.

  • Der in den Handelsblattkommentaren abgegebene Unfug wird immer schlimmer ...

    Unsere Demokratie oder selbst das demokratische System der USA mit den zaristischen Mafiastrukuren Russlands auf eine Stufe zu stellen oder diese gar zu bevorzugen, zeigt schon ein merkwürdiges gesellschaftliches Verständnis.

    Merkwürdigerweise gibt es heute wieder viel mehr Personen, die sich einen starken, "tollen" Mann an der Spitze wünschen. Deswegen konnte sich der italienische Zampano auch so lange halten.

    Mehr Entscheidungsfreudigkeit wünsche ich mir manchmal von unserer Regierung auch, auf der anderen Seite ist die starke Absicherung durch die demokratischen Strukturen schon sehr gut und wichtig.

  • Mit Sicherheit ist Putin kein lupenreiner Demokrat. Aber welcher Politiker ist das schon? Im Westen ist die Verbrecherbande um Bush durch nachweislichen Betrug an der Macht geblieben. Und wer im Glashaus sitzt sollte nicht, wie Clinton, auf andere mit Steine werfen.

    Putin war 2 Mal President und jetzt zum 2. Mal Ministerpresident. Preisfrage: Wie lange war Kohl Kanzler? und wie lange ist FDJ-Angie Kanzlerin?

    Natürlich würde es der Westen lieber sehen wenn ein Trunkenbold wie Jelzin im Kremel das sagen hätte. Der hätte sogar für ne Flasche Wodka seine Mutter verkauft. Trotz allen sollten wir froh darüber sein dass Russland von einer starken Hand regiert wird, denn nichts wäre schlimmer als wenn dieses Land ins Chaos abgleiten würde. Russland ist Atommacht! Das sollte nicht vergessen werden.

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