Proteste im Jemen
Jemens Präsident bietet Rücktritt an

Tunesien, Ägypten und nun Jemen: Präsident Saleh will unter bestimmten Umständen die Macht abgeben. Der gescheiterte Wüstenstaat steht damit vor dem Zerfall - und die Revolution erreicht die arabische Halbinsel.
  • 0

SanaaAngesichts erneuter Massenproteste im Jemen hat Präsident Ali Abdullah Saleh versucht, seine Kritiker zu besänftigen. Um ein weiteres Blutvergießen zu verhindern, sei er unter gewissen Bedingungen zu einem Rücktritt bereit, erklärte Saleh am Freitag in einer Fernsehansprache. „Wir wollen keine Macht“, sagte der autokratische Staatschef. „Aber wir müssen die Macht in sichere Hände übergeben, nicht in kranke, aufgebrachte oder korrupte Hände.“

In der Haupstadt Sanaa bot Saleh in einer Rede erneut seinen Rücktritt an, beschimpfte aber gleichzeitig die Opposition. Saleh erklärte vor zehntausenden Regierungsanhängern vor dem Präsidentenpalast, er wolle einen friedlichen Machtwechsel einleiten, traue aber der Opposition nicht. Seine Gegner bezeichnete er als „kleine Minderheit“ von Drogendealern, Geldwäschern und Rebellenführern. Saleh-Anhänger hatten zu einem „Freitag der Toleranz“ aufgerufen. Einige von ihnen trugen Waffen und schwenkten traditionelle jemenitische Dolche. Auf Bannern war zu lesen: „Nein zum Chaos, Ja zu Sicherheit und Stabilität.“  

Am anderen Ende der Stadt versammelten sich auf einem Platz zehntausende Regierungsgegner, um den Rücktritt Salehs zu fordern. Sie hatten zu einem „Tag des Abgangs“ nach den Freitagsgebeten aufgerufen, um Saleh zu einem sofortigen Rücktritt zu bewegen. Soldaten hatten zuvor versucht, die Großdemonstration zu verhindern. Sie errichteten Kontrollpunkte an den Straßen nach Sanaa, wie Augenzeugen erklärten. Einige Autos seien an der Weiterfahrt gehindert worden. Anhänger des Präsidenten durften die Kontrollen
passieren, wie die Augenzeugen weiter sagten. Die Opposition wollte am (heutigen) Freitag eine Million Demonstranten in Sanaa versammeln.

Bei einer ähnlichen Kundgebung vor einer Woche waren 52 Menschen getötet worden. Vermutlich wurden sie von Scharfschützen in Zivilkleidung erschossen. Danach hatte sich eine Reihe führender Generäle, Diplomaten und Stammesanführer von der Regierung losgesagt.

„Die Regierung kann sich nicht einfach ihren Weg aus der Krise schießen“, sagte Philip Luther, stellvertretender Amnesty-International-Direktor für Nahost. „Ob in Uniform oder in Zivil, die Sicherheitskräfte müssen sofort daran gehindert werden, mit scharfer Munition gegen unbewaffnete Demonstranten vorzugehen.  

Unter dem Druck der seit rund sechs Wochen anhaltenden Proteste hatte Saleh zwar zuletzt Zugeständnisse in Aussicht gestellt, die der Opposition aber nicht weit genug gingen. Die USA und das benachbarte Saudi-Arabien hatten sich besorgt gezeigt, dass bei einem Rückzug Salehs ein Machtvakuum entstehen könnte, das die im Land aktive Extremisten-Gruppe Al-Kaida weiter stärken könnte.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Proteste im Jemen: Jemens Präsident bietet Rücktritt an"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%