Proteste in Ägypten
Mursis Regierung bricht auseinander

Demonstranten haben das Hauptquartier der islamistischen Muslimbruderschaft in Kairo gestürmt. Bereits in der Nacht hatte es schwere Zusammenstöße zwischen Polizei und Mursi-Gegnern. Und der Protest zeigt Wirkung.
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KairoInmitten der Massenproteste gegen den ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi sind vier Minister seines Kabinetts zurückgetreten. Die Minister für Kommunikation, Tourismus, Umwelt und Justiz hätten gemeinsam bei Ministerpräsident Hescham Kandil ihren Rücktritt eingereicht, sagte ein Regierungsvertreter am Montag in Kairo.

Zuvor hatten regierungskritische Demonstranten den zentralen Sitz der islamistischen Muslimbruderschaft in der ägyptischen Hauptstadt Kairo gestürmt. Das Gebäude im Viertel Mokattam wurde in Brand gesetzt, Protestierende stürmten hinein und warfen Gegenstände aus den Fenstern, andere plünderten die Räume, berichtete ein Korrespondent der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Laut Augenzeugen hielt sich zu Beginn der Erstürmung niemand in dem Gebäude auf. Anschließend stellte die Protestbewegung „Tamarud“ (Rebellion) Präsident Mursi ein Ultimatum: Entweder er trete bis Dienstagnachmittag ab – oder es werde weitere Unruhen geben.

Schon in der Nacht zu Montag forderten Hunderttausende Ägypter bei landesweiten Massenprotesten Präsident Mohammed Mursi zum Rücktritt auf. Am ersten Jahrestag seines Amtsantritts riefen die Menschen in Kairo und anderen Städten dem Staatschef „Verschwinde!“ entgegen. Sie zeigten ihm die Rote Karte.

Insgesamt seien mindestens sieben Menschen bei den Unruhen getötet, mehr als 600 Menschen seien verletzt worden, berichtete die Zeitung „Al-Ahram“ unter Berufung auf das Gesundheitsministerium. In der südlichen Provinz Assiut eröffneten nach Angaben der Sicherheitsbehörden bewaffnete Unbekannte auf einem Motorrad das Feuer auf protestierende Aktivisten. Dabei seien drei Menschen getötet und mindestens acht verletzt worden. Ein Demonstrant starb laut lokalen Medienberichten in der ebenfalls südlichen Stadt Bani Sueif bei Zusammenstößen zwischen Unterstützern und Gegnern Mursis. In Fayum sei ein 18-Jähriger ums Leben gekommen. Bei einem Angriff auf die Zentrale der Muslimbruderschaft in Kairo seien zwei Menschen getötet worden.

Bei den zentralen Kundgebungen auf dem Kairoer Tahrir-Platz und vor dem Präsidentenpalast blieben hingegen die befürchteten Konfrontationen zwischen den rivalisierenden Lagern aus. Bis zum frühen Montagmorgen harrten dort zahlreiche Menschen aus. Oppositionsaktivisten kündigten an, so lange demonstrieren zu wollen, bis Mursi zurücktrete. Ähnliche Szenen hatten sich im Arabischen Frühling 2011 bei den Protesten gegen den damaligen Machthaber Husni Mubarak abgespielt.

Wenige Kilometer vom Amtssitz Mursis entfernt versammelten sich im Kairoer Vorort Nasr-City Zehntausende Anhänger der islamistischen Parteien, um ihre Solidarität mit Mursi zu bekunden. Einige von ihnen trugen Stöcke und Helme bei sich. In der Hafenstadt Alexandria, in Port Said und in der Tempelstadt Luxor gingen ebenfalls tausende Menschen auf die Straßen. In Alexandria klagten mehrere Demonstranten über Vergiftungserscheinungen, nachdem sie von Unbekannten am Straßenrand umsonst Flaschen mit Wasser und Limonade erhalten hatten.

Die Massenproteste markieren das Ende einer Unterschriftenkampagne, mit der die Protestbewegung den Staatschef zum Rücktritt zwingen will. Seit Anfang Mai sammelten die Initiatoren von „Tamarud“ (Rebellion) nach eigenen Angaben mehr als 22 Millionen Unterschriften gegen den Präsidenten. Die Opposition wirft Mursi vor, er handele nicht wie ein Präsident für alle Ägypter, sondern sei vor allem daran interessiert, die Macht der Muslimbruderschaft auszubauen. Die massiven wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes habe er nicht gelöst. Deshalb habe er seine Legitimität verloren und müsse abtreten.

Für die Muslimbrüder, als deren Kandidat Mursi gewählt worden war, kommen Neuwahlen nicht infrage. Ein Sprecher des Staatsoberhaupts rief die Protestbewegung bei einer Pressekonferenz zum Dialog auf. Der Berater der Muslimbruderschaft, Gehad al-Haddad, sagte, die Opposition müsse akzeptieren, dass Mursi durch faire und freie Wahlen ins Amt gekommen sei. Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa betonte er, die Anhänger Mursis würden nichts tun, solange die Demonstrationen friedlich blieben. Allerdings fügte er hinzu: „Die Mauern des Präsidentenpalasts sind eine rote Linie.“

Viele Ägypter gingen aus Angst vor gewalttätigen Ausschreitungen weder zu den Protesten noch zur Arbeit. Tausende Ausländer hatten das Land bereits am Samstag verlassen. In den vergangenen Tagen hatte es mehrfach gewaltsame Zusammenstöße zwischen Anhängern und Gegnern der Islamisten gegeben. Dabei starben sieben Menschen – unter ihnen ein US-Bürger.


dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur
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ap 
Associated Press / Nachrichtenagentur

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  • Wenn nicht einmal europäische Länder Demokratie leben können( siehe Bundestag-EU-ESM No Bail Out+++++) wie soll es dann in Arabien klappen? Kein Land in Arabien ist reif für eine Demokratie! Es wäre zu wünschen wenn mit Hilfe der Armee ein toleranter Staat zu Stande kommen könnte.Ein Staat der die Würde des Einzelnen achtet - die Korruption und den radikalen Islam in Schach hält.Alles Gute für das geschundene Volk!

  • Nur am Rande:

    Ägypten, das Land mit den vielen Kunstschätzen, war bis diese Woche auf dem Weg in einen islamischen Winter. So wählten die Ägypter einen Präsidenten, der seine Landsleute aufforderte "unsere Kinder und Enkelkinder zum Hass auf die Juden und Zionisten zu erziehen" und der Juden als "Nachfolgen von Affen und Schweinen" bezeichnet (Quelle: MEMRI TV).

    Ich hoffe wir sehen nun eine Trendwende.

  • Religionen sind immer ein Diktat. Ob in Deutschland ehemals das so unchristliche Christentum oder in Ägypten der Islam. Jede Religion hat einen Alleinvertretungs- und alleinigen Wahrheitsanspruch.

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