Proteste in Brasilien
Der Staat verharrt in Schockstarre

Erste Zugeständnisse an die Demonstranten greifen nicht tief genug, um die Proteste rund um den Confed-Cup zu beenden. Die Probleme sind komplexer und offenbaren die Ideenlosigkeit der brasilianischen Regierung.
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São PauloWirtschaftlich gilt Brasilien schon lange als Riese. Doch hinter glanzvollen Großprojekten, angekurbelt durch Weltereignisse wie die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016, klafft eine Lücke enormer sozialer Missstände, gegen die Brasiliens Mittelschicht nun aufbegehrt und eine klare Botschaft aussendet: „Der Riese ist erwacht.“ Geradezu überrumpelt hat die Wutwelle die Regierung von Präsidentin Dilma Rousseff. Und deren Reaktion wirkt zunehmend ideenlos.

Einen ersten Erfolg haben die Demonstranten mit ihrem seit einer Woche anhaltenden Protest bereits verbucht: Die Städte São Paulo und Rio de Janeiro haben eine Fahrpreiserhöhung um zehn Cent rückgängig gemacht, an der sich die Wut der Menschen vergangene Woche entzündet hatte. Lucas Monteiro, einer der Organisatoren der Proteste, freut sich über das Einlenken der Behörden. „Die Entscheidung zeigt, dass die Bürger durch Mobilisierung etwas erreichen können“, sagt der Geschichtsprofessor.

Den Demonstranten ist das aber nicht genug. Am Donnerstag riefen sie in mehreren Städten zu neuen Aktionen gegen die Regierung auf. Inzwischen haben sich weite Teile der Mittelschicht den Protesten angeschlossen. Angesichts der nun vorgetragenen Probleme ist das Einlenken bei den Fahrpreisen lediglich eine kosmetische Maßnahme.

„Wir wollen zurück haben, was wir an Steuern bezahlt haben“, sagt Agatha Rossi de Paula, eine 34-jährige Anwältin aus São Paulo. Sie wünscht sich ein besseres Gesundheitssystem, mehr Bildung, bessere öffentliche Verkehrsmittel und mehr Sicherheit. „Wir wollen, dass die Polizei uns beschützt“, fordert sie.

Auch Rosana Reis, eine 51-jährige Krankenschwester, beklagt ein Ungleichgewicht bei den Staatsausgaben. „Ich habe im Krankenhaus mit meinen eigenen Augen gesehen, wie alle außer den reichsten Brasilianern leiden“, klagt sie. „Diese Politiker haben Geld für die Weltmeisterschaft, für die Olympischen Spiele, aber kein Geld für Gesundheit und Bildung. Wir haben genug davon!“

In der Tat sind die Investitionen für die sportlichen Großereignisse enorm. Im November schätzte die Regierung die Kosten für den Bau von Fußballstadien sowie die Renovierung von Flughäfen auf 13,3 Milliarden Dollar (knapp zehn Milliarden Euro). Für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro belaufen sich die Ausgaben der öffentlichen Hand auf mehr als zwölf Milliarden Dollar (fast neun Milliarden Euro).

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Drei Viertel der Demonstranten haben einen Uniabschluss

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  • die latente gewalttätigkeiten in allen gesellschaftlichen schichten brasilien,würde bei unüberlegter polizei und militärgewalt ,die regierung,die einen revolutionären hintergrund hat, schnellstens noch unglaubwürdiger machen und die situation außer kontrolle geraten lassen.

    da das militär auf keinen fall,die polizei nur eingeschränkt gegen die eigene vevölkerung vorgehen würde,könnten auch die privatmilizen die eliten nicht schützen im gegenteil,diese bezahlten meuchler wärn die ersten die baumeln

    die einzige möglichkeit liegt im zeitgewinn der regierung vermöglicht mit zugeständnissen und glaubwürdigen umsetzbaren versprechen

    diktatorische maßnahmen wären die funken ,die die bombe zum platzen bringen

    aufgebrachte brasilianer sind furchtfrei

  • "„Die Entscheidung zeigt, dass die Bürger durch Mobilisierung etwas erreichen können“, sagt der Geschichtsprofessor." - Etwas, das in unserer Schlafrepublik der Feigheit vor Öffentlichkeit absolut, einfach alternativlos undenkbar ist. Schimpfen, auf meist abgrundtief niederem, bestenfalls hohem Niveau (Ni-E-veau) jammern, klagen, brüllen in Fragmenten weil kommunikationsunfähig...und zuletzt WEINEN - Steinbrück hat es hoffähig gemacht und damit ein eindrucksvolles Zeugnis der neuen Republik abgelegt.

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