Proteste in der Türkei

Der Flächenbrand

Bisher stand die Ära Erdogan für Wirtschaftsstabilität - doch wie trügerisch das Wirtschaftswunder ist, zeigen die Unruhen in Istanbul, die sich wie ein Lauffeuer ausbreiten. Schuld daran ist auch Erdogans Führungsstil.
Update: 03.06.2013 - 15:42 Uhr 12 Kommentare

Erdogan: "Nicht provozieren lassen"

AthenDie Proteste gegen die islamisch-konservative Regierung in der Türkei schwellen weiter an. In der Nacht zum Montag kam es zu neuen Straßenschlachten. Demonstranten versuchten, in Ankara zum Amtssitz von Ministerpräsident Tayyip Erdogan vorzudringen. Die Polizei riegelte die Straßen zum Regierungsviertel ab. Der Premier hält unbeirrt an seinen Bauplänen für den Istanbuler Taksim-Platz fest, an denen sich die inzwischen landesweiten Proteste entzündeten. Sie scheinen den Regierungschef nicht sonderlich zu beunruhigen: „Entspannen Sie sich, das wird sich alles wieder legen“, sagte er am Montagmorgen zu Journalisten, bevor er zu einem Staatsbesuch nach Marokko flog. Aber dass Erdogan diese massive Protestwelle politisch überleben kann, wird immer unwahrscheinlicher.

Wirtschaftlich war die Zeit seit dem Amtsantritt des islamisch-konservativen Premierministers Erdogan für die Türkei ein goldenes Jahrzehnt. Das Pro-Kopf-Einkommen hat sich verdreifacht, das Land stieg unter die 20 größten Wirtschaftsnationen der Erde auf. Auch politisch war die Ära Erdogan bisher von einer Stabilität gekennzeichnet, wie sie die chronisch krisengeplagte Türkei seit Jahrzehnten nicht mehr kannte.

Doch wie labil diese Stabilität ist, wie trügerisch das Wirtschaftswunder, zeigen die Unruhen, die sich, ausgehend vom Istanbuler Taksim-Platz, wie ein Flächenbrand über das ganze Land ausbreiteten. Was als Protest gegen die Zerstörung des Gezi-Parks begann, einer der letzten grünen Oasen in der Istanbuler Betonwüste, wird zu einem Aufbegehren gegen den zunehmend autoritären Führungsstil Erdogans und die ideologische Dominanz seiner islamischen Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei, der AKP, von er sich weltlich gesinnte Türken zunehmend bevormundet fühlen.

Türkei im Ausnahmezustand
huGO-BildID: 31381093 Young Turks clash with security forces in Ankara, Turkey, Sunday, June 2, 2013. Protests in Istanbul and several other Turkish
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Sie wollen keine Ruhe geben: Wie hier in Istanbul, aber auch in anderen Städten der Türkei, gehen die Menschen seit drei Tagen auf die Straße. Der Grund: Ihr Ministerpräsident. Für die Protestler ist Recep Tayyip Erdogans Politik zu autoritär, viele fürchten die Hinwendung zum Islamismus. Grund genug für einige zu demonstrieren.

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Doch die Polizei reagiert auf die Proteste brutal...

huGO-BildID: 31381606 Police use a water cannon to disperse protestors outside Turkish Prime Minister Recep Tayyip Erdogan's working office in B
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Mit Tränengas und Wasserwerfern geht sie gegen die Demonstranten vor. In der Nacht nahm die Polizei 500 Protestierer fest.

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Die Menschen fürchten, dass ihre Rechte mehr und mehr beschnitten werden - und sie machen ihren Ministerpräsidenten dafür verantwortlich. Gerade erst hatte er durchgesetzt, dass die Herstellung und der Vertrieb von Alkohol viel strenger reglementiert wird als bisher.

huGO-BildID: 31382965 A man wears a mask during the third day of nationwide anti-government protest at Taksim square in Istanbul, Sunday, June 2, 201
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Als „Diktator“ beschimpfen einige Demonstranten Erdogan. Der Ministerpräsident räumte Fehler beim Polizeieinsatz ein, will sich den Demonstranten aber nicht beugen. Die Kritik an seinem autoritären Regierungsstil weist er zurück. „Wenn sie jemanden Diktator nennen, der ein Diener des Volkes ist, habe ich nichts mehr zu sagen“, sagt er.

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Eigentlich ging es bei den Protesten um die Zerstörung es Gezi-Parks am Rande des Taksim-Platzes. Die wollten die Demonstranten verhindern. Doch mittlerweile geht es um so viel mehr...

huGO-BildID: 31386159 A protester takes cover during clashes with security forces in Ankara, Turkey, Sunday, June 2, 2013. Turkey's prime minist
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Die Bilder aus der Türkei erinnern stark an die Protestbewegung des Arabischen Frühlings....

Es geht um die viel zitierte „Geheime Agenda“ Erdogans, seine angeblichen Pläne einer Islamisierung von Staat und Gesellschaft. Es geht um das Erbe des Staatsgründers Musta Kemal Atatürk, der in den 1920er Jahren die strikte Trennung von Staat und Religion festschrieb – ein Grundsatz, der unter Erdogan immer weiter aufgeweicht wird.

Am Taksim-Platz, wo die Proteste vergangene Woche begonnen hatten, war es am Montagmorgen ruhig. Die Demonstranten errichteten ungestört weitere Barrikaden. Die Polizei hatte sich dort am Samstagnachmittag nach den heftigen Straßenschlachten zurückgezogen und blieb seither auf Distanz. Zusammenstöße gab es dagegen im Stadtteil Besiktas, wo Demonstranten versuchten, zum Istanbuler Amtssitz Erdogans im Dolmabahce-Palast vorzudringen. Sie wurden von starken Polizeikräften zurückgedrängt. Am Nachmittag wurde der erste Tote gemeldet: Nach Angaben einer türkischen Ärztegruppe erlag der Mann am Montag seinen Verletzungen, die er erlitt, als ein Wagen in eine Menschenmenge raste.
Auch in Ankara versuchten Demonstranten, das Regierungsviertel zu belagern. Aber nicht nur in den – noch - westlich geprägten Großstädten wie Istanbul, Izmir und Ankara gibt es Unruhen. Straßenschlachten wurden auch aus der zentralanatolischen Universitätsstadt Eskisehir und aus Adana im Süden gemeldet. Das scheint zu zeigen: Erdogan verliert nicht nur im Westen des Landes sondern auch in Anatolien an Unterstützung.

Erdogan will sich mit Riesen-Moschee verewigen
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12 Kommentare zu "Proteste in der Türkei: Der Flächenbrand"

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  • "Während sich die unterdrückten Völker im Nahen Osten und Nordafrika nach mehr Demokratie sehnen....."

    Woher wollen wir das denn wissen? Überall im Nahen Osten folgte dem arabischen Frühling ein islamistischer Sommer. Und zwar ganz legal über Wahlen. Demokratie ist nicht das Ende der Geschichte, was "die Völker" wirklich wollen, können die meisten Journalisten im westlichen Elfenbeinturm gar nicht sagen.

    Stellen wir es uns andersherum vor: In Frankreich protestieren Hunderttausende gegen die Homoehe. Haben "die Völker im Westen" auch genug von der selbstherlichen Vergewaltigung traditioneller Werte durch linke, pseudoliberale Eliten?

    Man sollte sehr vorsichtig sein mit solchen Verallgemeinerungen, zumal wenn sie sich in einem fremden Kulturkreis abspielen. Es sei denn man möchte bewußt Propaganda verbreiten, was ich dem HB eigentlich nicht zutraue.

  • Immer noch keine Reaktionen auf die Aufstände gegen Erdogan und seine AKP von seinen Deutschen Freunden und Anhängern.
    Keina Kolat gerne in den Medien und wie gesagt immer eine forderung nach der anderen im Gepäck bisher kein Kommentar.
    Özdemir,Roth,Beck,Trittin,Gabriel,Westerwelle alle ruhig und
    wohl geschockt. Auf die Seite der modernen Türken können sie sich nicht mehr stellen. Zulange haben sie Erdogans Kurs mitgetragen,unterstützt und die Islamisierung Deutschlands gebilligt. Siegerin ist Angela Merkel, die
    Erdogan noch nie getraut hat. Dafür ein großes Dankeschön
    und Hartnäckigkeit zahlt sich eben aus. Nun sollte die Union noch die Anständigen Aufständigen als demokratische Partei unterstützen. Die Opposition steht ja auf seiten der AKP und Erdokan.

  • Tatsächlich ist es mit dem türkischen "Wirtschaftswachstum" nicht so weit her, wenn man bedenkt, dass dort zweistellige Inflationsraten zu verzeichnen sind - und die private Verschuldung fröhliche Urständ' feiert.

  • Der Europäische Teil der Türkei sollte sich von der Türkei trennen und die Steinzeitislamisten zurück lassen. Ein Beitritt der modernen Metropole Istanbul in die EU wäre dann kein Problem und Erdogan kann weiter in Burka Shops schon mal
    die Zukunft planen. Seine Salafisten und Steinzeitislamisten in Deutschland sollte er zur verstärkung in die Türkei rufen. Denn ein Bürgerkrieg ist unvermeidlich, da Erdogan schon spricht wie jeder Diktator
    über Widerständler.

  • Korrektur: Mit "die" sind natürlich die türkischen Bürger gemeint

  • Freuen wir uns doch, daß die türkische Bevölkerung sich nicht alles bieten läßt und mitreden will, statt über ein paar hiesige verblödete Islamisten zu jammern.
    Die sind demokratischer als die deutsche Bevölkerung, die als Made immer noch glaubt, der Speck sei unendlich.

  • So groß war und ist die Wirtschaftsleistung der T+ürkei nicht. Das liest man auch anders.
    In den großen Städten der Türkei ist es in Ordnung, auf dem Land, in Anatolien leben die Leute doch heute noch wie vor 500 Jahren.
    Erdogan ist ein Blender
    Hinzu kommt, dass Erdogan die Türkei reislamisieren will und das merken immer mehr Bürger
    In der Türkei bestand z. B. früher ein absolutes Kopftuchverbot an Unis und allen öffentlichen Einrichtungen, das hat Erdogan schon aufgeweicht
    Seine Frau geht ja selber mit Kopftuch, deswegen ist sie auf Reisen sehr selten dabei, weil das nicht ankommt.
    Seit Erdogan werden auch unsere Türken immer fanatischer.
    Weg mit Erdogan, denn in Wahrheit ist er ein Islamist und immer mehr Türken merken dies und das ist auch gut so
    "Die Moscheen sind unsere Kasernen und die Minarette unse Speere"
    Wer so ein Zeug sagt, zeigt, dass er keine Demokratie will

  • Erdogan ist von den Bilderbergern eingesetzt!
    Die Islamisierung der Türkei ist Teil eines grossen Planes!
    Die Islamisierung des europäischen Kontinents ist mittel zum Zweck um das Ungleichgewicht zu fördern und somit neue profitbringende Kriege zu ermöglichen!

  • @karstenberwanger

    "Wird Zeit dass das bei uns auch kommt aber mit voller Wucht!"

    Was meinen Sie?

    Dass hier endlich auch die Säkularen auf die Straße gehen um gegen die Bevorzugung der Religiösen jeder couleur und die Finanzierung der christlichen Glaubensgemeinschaft aus Steuergeldern zu protestieren?

    Noch werden hier keine oder kaum Rechte von Nichtreligiösen eingeschränkt, doch was ihnen abverlangt wird ist in meinen Augen erheblich.

  • Wird Zeit dass das bei uns auch kommt aber mit voller Wucht!

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