Proteste in der Türkei
Ein tief gespaltenes Land

Während die Einen die Rückkehr von Ministerpräsident Erdogan feiern, protestieren die Anderen auf dem Taksim-Platz in Istanbul gegen dessen Regierung. In der Provinz kommt die Botschaft der Demonstranten nicht an.
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Istanbul/Kahramanmaras„Ein Zeichen von Dir ist genug“, haben Anhänger des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan auf ein Spruchband geschrieben. Sie wollen es auf einem Parkplatz des Istanbuler Atatürk-Flughafens im Begrüßungsjubel zur Rückkehr des Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan schwenken, doch Ordner kassieren es ein, noch bevor es in die Liveübertragung der Fernsehsender gerät. Die Worte können nur als Drohung verstanden werden, jederzeit zum Kampf gegen die Protestbewegung bereit zu sein.

Mit Bussen sind viele der Erdogan-Anhänger zum Flughafen gebracht worden, wo der Regierungschef am Freitag nach vier Tagen Auslandsreise in sein immer tiefer gespaltenes Land zurückkehrt. Tausende sind gekommen. Die wohlorganisierte Veranstaltung zur Unterstützung der islamisch-konservativen AKP ist der erste Gegenprotest zu den Demonstrationen auf dem Taksim-Platz.

Dort sind zeitgleich wieder Zehntausende gegen Erdogan unterwegs. Nach dem Abzug der Polizei ist der Platz in den Nächten ein bunter Trubel geworden, bei dem Sozialisten, Anarchisten, Kemalisten - Anhänger des Republikgründers Kemal Atatürk - und Nationalisten gemeinsamen mit Studenten und Künstlern ihren Widerstand zelebrieren. Erstmals fordert eine aufbegehrende Bürgergesellschaft ohne direkte Verbindung zu Parteien Erdogan heraus. Sie werfen dem Ministerpräsidenten seinen autoritären Stil, eine schleichende Islamisierung und „Faschismus“ vor.

Dieser spricht auf dem Flughafen vom Dach eines Busses, beschwört zunächst die brüderliche Einheit. Er wird dann immer kämpferischer und fordert ein Ende des Protests. „Die sich selbst als Journalisten, Künstler und Politiker bezeichnen, haben unverantwortlich gehandelt, als sie Hass, Diskriminierung und Provokationen den Weg bereitet haben“, ruft Erdogan.

Seine Anhänger dringen in Sprechchören darauf, es den Demonstranten zu zeigen. „Hier ist Istanbul, wo sind die Marodeure“, rufen sie herausfordernd, und: „Los, auf, lasst uns Taksim zerschlagen.“ Erdogan fordert sie auf, ruhig nach Hause zu gehen.

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Ein tief gespaltenes Land

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Gefährliches Spiel

Kommentare zu " Proteste in der Türkei: Ein tief gespaltenes Land"

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  • @ Informationskrieg

    Ja danke für den link. Unsere TV-Sender sind echt feige - ganz kümmerliche Berichterstattung. Gerade hat das ZDF ganz "ausgewogen" und weichgespült über türkische Solidaritätskundgebungen in Deutschland berichtet und sofort einen Türken gezeigt, der Erdogan verteidigt hat wegen seiner tollen wirtschaftlichen Leistungen und so ...

    ... und das ist vielleicht einer der Hintergründe: die wirtschaftlichen und militärischen Interessen des "Westens" sind wohl eng an Erdogan und seine AKP geknüpft.

    Die weitgehend gleichgeschalteten Medien in Deutschland werden sich dem nicht entgegen stellen.

    Beim Treffen der Bilderberger an diesem Wochenende sind übrigens SECHS türkische Teilnehmer eingeladen - darunter Ali Babacan, "Deputy Prime Minister for Economic and Financial Affairs".

    Nachzulesen hier: http://www.yoice.net/2013/06/bilderberg-2013-offizielle-teilnehmerliste/

    Ich bin echt froh, dass es das Internet und die social Networks gibt !

  • Hier Bilder aus der Türkei die man in den Medien nicht gezeigt bekommt!

    Warum nicht???

    https://www.facebook.com/photo.php?v=641215335906130

  • Ist das der türkische Frühling?

    Ist der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan der neue Mubarak?

    Die Geschichte warnt uns beständig, dass es mithin nur einen Funken braucht, um ein politisches Fegefeuer zu entzünden.

    Die kürzlich aufgetretenen Funken in Istanbul wurde von einer kleinen Gruppe sehr junger Umweltschützer bereit gestellt, die ein friedliches Sit-in im Occupy-Stil auf dem Taksim-Platz organisierten, um gegen die geplante Zerstörung einer der wenigen verbliebenen öffentlichen Grünflächen im Stadtzentrum, dem Gezi Park, zu protestieren.

    Der Grund der Zerstörung des Gezi Park, ist die geplante Errichtung eines Einkaufszentrum. Es ist wichtig zu beachten, dass der Bürgermeister von Istanbul, auch von der regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP), eine Einzelhandelskette besitzt, die einen satten Gewinn aus dem Einkaufszentrum zieht.

    Und der Mann, der den Zuschlag für diese “Sanierung” erhalten hat, ist nicht weniger als Erdogans Schwiegersohn.

    Wie vorauszusehen war, führte harte polizeiliche Repression dazu, dass sich den Demonstranten die Top-Kader der türkischen Hauptoppositionspartei, der Republikanischen Volkspartei (CHP), anschlossen.

    Und eher früher als später verwandelte sich das grüne Thema vom Taksim-Platz in ein “Nieder mit dem Diktator”.

    Am Samstag war der Taksim-Platz mit Zehntausenden von Menschen gefüllt; eine Vielzahl von ihnen war über die Bosporus-Brücke von der asiatischen Seite Istanbuls gegangen, indem sie auf Pötten und Pfannen im argentinischen Cacerolazo-Stil von 2002 schlugen und offen auf dem Gesetz gegen die Überquerung der Brücke durch Fußgänger herumtrampelten. Die Polizei schraubte die Repression mit Wasserwerfern, Pfefferspray und Tränengas hoch.

    Warum erfahren wir nichts darüber in den Medien?

    Wer steht hinter den Medien???

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