Proteste in der Türkei
„Erdogan nennt uns Capulcu – Plünderer“

Noch immer demonstrieren in der Türkei Zehntausende Menschen gegen die Regierung von Recep Tayyip Erdogan. Eine Lehrerin und ein Jugendlicher, die in Istanbul protestiert haben, berichten über ihre Motive.
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Düsseldorf/IstanbulProteste gegen Baumfällungen im Herzen von Istanbul haben sich zu einer landesweiten Protestbewegung gegen den zunehmend autoritär regierenden Ministerpräsidenten Recep Tayyip entwickelt. Trotz der Repressalien der Polizei halten die Aktionen an, in Istanbul und in vielen anderen Städten der Türkei. Handelsblatt Online lässt zwei Istanbuler zu Wort kommen, die von ihren Erlebnissen und ihren Zielen berichten.

Der Jugendliche
Ich bin nicht mehr wütend. Ich habe auch keine Angst mehr. Heute bin ich froh. Ich freue mich, weil all diese Menschen zusammenstehen und für die gleiche Sache kämpfen – obwohl sie vorher glaubten, sie wären komplett verschieden. Ich freue mich, weil ich gesehen habe, wie Restaurants Lebensmittel an Demonstranten verschenken und Apotheken Medikamente verteilen. Ich freue mich, weil die Menschen in der Türkei aufgewacht sind.

Wütend war ich, als ich am Donnerstag auf Twitter las, was mit dem kleinen Demonstrantencamp im Gezi-Park passiert. Dass ihre Zelte angezündet werden und die Polizei jeden mit Pfefferspray angreift. Das war nur ein Handvoll Aktivisten. Aber am Freitag bin ich dort hin und habe gesehen, was dort passiert.

Und ich habe auf Blogs, bei Twitter und bei Facebook noch viel mehr gesehen. Ich war immer noch wütend, aber vor allem hatte ich jetzt Angst. Vor der Polizei und der Regierung. Vor abstoßender Brutalität. Grundloser Grausamkeit. Am Samstag war ich in Besiktas, dort herrschte Krieg. Nicht, weil die Demonstranten irgendjemanden angegriffen hätten, sondern weil die Polizei völlig wahllos Menschen mit Tränengas, Pfefferspray und anderen, undefinierbaren Gasen attackiert. Jeder, der dort ist, spürt das Brennen im Gesicht.

Mindestens zwei Menschen sind gestorben, tausende sind schwer verletzt. Ich habe gesehen, wie Polizisten Gaskartuschen in Gebäude werfen, in denen Verwundete provisorisch gepflegt werden.

Die Medien haben geschwiegen. Meine Mutter hat mich angerufen und mich gefragt, was los sei. Sie hatte im Fernsehen nur eine Rede Erdogans gehört, in der er erklärte, es gäbe Aufstände. Er sagte, die Polizei halte die Anarchisten im Zaum. Das war die einzige Information, die meine Mutter nach drei Tagen Ausnahmezustand hatte.

Erdogan droht und verhöhnt uns. Er hat angekündigt, 100.000 Demonstranten könne er eine Million Polizisten gegenüberstellen. Er nennt uns Capulcu – Plünderer. Das ist so absurd, dass die Menschen es aufgreifen und sich darüber lustig machen. Erdogan ist ein Diktator. Er will jeden Aspekt unseres Lebens bestimmen. Wie wir aussehen, was wir denken, wen wir lieben, wo wir uns küssen, wann wir trinken, zu wem wir beten. Und im Augenblick hat er dazu auch die Macht.

Viele junge Türken haben sich lange damit abgefunden. Aber in letzter Zeit staute sich die Unzufriedenheit an. Die extreme Gewalt in Taksim und der Hohn, mit dem die Regierung darauf reagiert, das war für viele ein Weckruf. Das war zu viel. Plötzlich wollten all diese Menschen auf die Straße gehen. Alle reden plötzlich über diese Ungerechtigkeit, niemand findet sich mehr damit ab.

Wir wollen selbst bestimmen, wie wir leben. Wir wollen Freiheit. Wir wollen, dass die Regierung die Polizisten zurückpfeift, die Gewalt beendet und sich entschuldigt. Und danach wollen wir, dass sie aufhört, unser Leben kontrollieren zu wollen.

Es wird nicht einfach, Erdogan zum Einlenken zu bringen. Er versucht, uns zu diskreditieren und zum Schweigen zu bringen. Ich werde von einem Zivilpolizisten überwacht, weil ich für ausländische Medien Twitter-Meldungen übersetze. Menschen werden festgenommen und verprügelt, aber wir geben nicht auf. Wir sind viele. Niemand kann die Bilder, die Gewalt und die Ungerechtigkeit wegdiskutieren. Jeder kann sie im Internet sehen. Deswegen werden wir uns durchsetzen. Die Jugend der Türkei ist aufgewacht und sie wird so lange zusammenstehen, bis ihre Forderungen umgesetzt werden. Darauf freue ich mich.

Der 23-jährige Erzähler arbeitet an einer der renommiertesten Universitäten Istanbuls. Seinen Namen möchte er hier nicht lesen, um keine Schwierigkeiten zu bekommen.

Seite 1:

„Erdogan nennt uns Capulcu – Plünderer“

Seite 2:

„Als Lehrer müssen wir ausführen, was wir für falsch halten“

Kommentare zu " Proteste in der Türkei: „Erdogan nennt uns Capulcu – Plünderer“"

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  • Flughafenpersonal wird von den Leitern zum Empfang Erdogan´s bedroht.
    Übersetze: Unser großer Anführer erscheint morgen um 13:00 Uhr am Esenboga Flughafen. Das Personal muss gewzwungernermaßen am Empfang teilnehmen. Beurlautes Personal wird nach normalem Tarif bezahlt. Personal welches mit Auto erscheint bekommt 100TL Benzingeld. (Wir erinnern uns an die Wahlen :) )
    Gegen die die nicht anwesend sind werden gerichtliche Prozesse in Gang gesetzt.

    http://mirilti.com/turkiye/gokcek-erdogan-geliyor-diye-belediye-personelini-mesajla-tehdit-ediyor.html

  • @Hagbart-Celin

    ..auch im Fastenmonat Alkohol gibt..

    Genau aus diesen Grund soll der Alkohol bei Muslimen eingeschränkt werden. In ihren Texten kann man es auslesen wie wichtig das ist. Knutschen von Paaren, will Erdogan übrigends verbieten. Das die Türkei von Amerika hochgelobt wird hat doch nichts mit Wirtschaft zu tun,
    dass ist politischen Kalkül. Würde sich der Iran ändern
    und auf Amerika zugehen, würde der Iran die Türkei als Liebling ablösen. Durch die vermischung von Politik und Religion in der Türkei und Deutschland war es nur eine Frage der Zeit wann das Gemisch explodiert. Die Handlanger bei uns die Erdogan nachlaufen könnten uneingeschränkt sofort in die AKP integriert werden.
    Alle Steinzeittürken sollten nach hause fahren und die aufgeschlossenen Türken sollten hierbleiben.

  • demokrat
    dem schließe ich mich an

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