Proteste in der Ukraine
Zwischen Volksfest und Revolution

Postkarten gab es gestern, heute verkaufen die Souvenirhändler Flaggen und Schals in Nationalfarben. In Kiew gibt es keine normalen Tage mehr, in der ukrainischen Metropole herrscht Ausnahmezustand. Ein Stimmungsbericht.
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Kiew„Heute habe ich bestimmt schon 60 davon verkauft“, lacht die 38-jährige Irina und zeigt auf ihren kleinen Stand auf der Einkaufsmeile von Kiew, dem Kreschatik. 60 blau-gelbe Flaggen, die Nationalfarben der Ukraine, und die EU-Sterne dürfen in diesen Tagen auch nicht fehlen. Fünf Griwna, rund 44 Cent, kostet das kleine blau-gelbe Bändchen, dass in der Hauptstadt wie ein Modeaccessoire am Mantel, Gürtel oder einfach um den Arm gebunden getragen wird. Für 20 Griwna gibt es dann schon eine stattliche EU-Flagge mit oder ohne „Ukraina“-Aufdruck. Woher sie die begehrte Ware bezieht, dürfe sie nicht sagen. Die schlechte Druckqualität lässt ahnen, dass sie irgendwo in der Riesenstadt in einem schmuddeligen Hinterhof auf die Schnelle produziert worden sind. Irina ist nicht die einzige, die an der Revolution ein ganz klein wenig mitverdienen will. Viele Souvenirverkäufer, die an normalen Tagen Luftballons, Plastikspielzeug und Kühlschrankmagneten in der Form eines Kaviarbrötchens unter die Leute bringen, haben schnellstens ihr Sortiment umgestellt. Denn es sind keine normalen Tage in der ukrainischen Metropole.

Seit nunmehr mehr als zwei Wochen herrscht Ausnahmezustand. Der Kreschatik, der normalerweise nur an Wochenenden teilweise für den Verkehr gesperrt ist und dann zur beliebten Flaniermeile wird, ist jetzt von den Demonstranten gegen Präsident Viktor Janukowitsch besetzt worden. Vom Maidan, dem Platz der Unabhängigkeit, der schon vor neun Jahren bei der orangenen Revolution zum Sammelplatz der Opposition wurde, bis ein Stück hinter dem Kiewer Rathaus ist der Kreschatik durch Holz-Barrikaden der Demonstranten nicht nur für Autofahrer unpassierbar geworden. Auch die Polizei soll es schwer haben voranzukommen, wenn sie denn das Rathaus an der wichtigsten Straße der Stadt tatsächlich mit Gewalt räumen will.

Und es könnte so kommen. Regierungschef Asarow hat den Demonstranten eine Frist von fünf Tagen gegeben. Bis spätestens Mittwoch müssen Parlament, Rathaus und einige weitere öffentliche Gebäude wieder geräumt sein. „Wir bleiben hier“, sagt Kyrill, ein junger Mann mit Gasmaske um den Hals am Eingang des Rathauses. Und wenn man seinen festen Blick sieht und die Gesten, die er macht, zweifelt man nicht an seinem Vorsatz.

Hier im Rathaus befindet sich eine der Zentralen der ukrainischen Opposition. Hier wird geplant, hier können Bürger, die die Opposition unterstützen, Lebensmittel und warme Kleidung abgeben, die dann an die verteilt wird, die wenige hundert Meter weiter auf dem Maidan der frostigen Kälte und den Ausläufern des Sturmtiefs Xaver trotzen.

Die Opposition – das ist keine homogene Gruppe. Vielmehr verbergen sich hinter diesem momentan häufig benutzten Begriff sowohl einige Oppositionsparteien als auch die große Schar derer, die „das System Janukowitsch” satt haben. „Das System“, so erzählt Wlad, Mitte Fünfzig und aus Odessa am Schwarzen Meer in die Hauptstadt gekommen, „das System besteht aus Korruption und Vetternwirtschaft“. Janokowitschs Sohn sei einer der reichsten Männer im Land, es seien „Banditen, die das Land regieren“.

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