Proteste in Kiew: „Der Präsident hat Blut an den Händen“

Proteste in Kiew
„Der Präsident hat Blut an den Händen“

Ausharren in der Eiseskälte von Kiew: Auf dem Maidan versammeln sich alle, die gegen das „System Janukowitsch“ sind. Doch dessen Hinhaltetaktik wirkt. Viele Demonstranten sehen nur eine Lösung: Gewalt. Ein Ortsbesuch.
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KiewSascha will nicht mehr. Nicht mehr warten, nicht mehr Angst haben, nicht mehr frieren. Seit der ersten Dezemberwoche ist der 37-jährige Starkstromtechniker auf dem Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz im Zentrum Kiews. „Immer, wenn ich frei habe, bin ich hier“, sagt er und fügt schnell noch an: „Auch oft nachts“.

Man sieht an den müden Augen von Sascha, an seinen herabhängenden Schultern, dass sein ursprünglicher Optimismus, mit den wochenlangen Demonstrationen den prorussischen Präsidenten Viktor Janukowitsch und seine hörige Regierung aus dem Amt treiben zu können, einer Hoffnungslosigkeit gewichen ist. Zwei Monate dem pfeifenden Wind, später dem Schnee und jetzt der eisigen Kälte zu trotzen, macht müde. Konnten zunächst noch die Durchhalteparolen der drei Oppositionsführer die Massen bei Laune halten, gelang ihnen das zuletzt immer schlechter. „Die Banditen spielen mit uns doch nur“, fasst Oksana, eine junge Kiewer Studentin die Zermürbungstaktik der Machtelite zusammen.

Nach zwei Tagen relativer Ruhe zogen in der Nacht zum Samstag wieder pechschwarze Rauchschwaden durch die Hruschewsko Straße, wo es schon in den vergangenen Tagen zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und den ukrainischen Sicherheitskräften gekommen war. Wieder wurden Molotow-Cocktails geschleudert, flogen Steine in Richtung der Sicherheitskräfte. Die setzten Wasserwerfer und Tränengas ein. Nach Angaben des ukrainischen Innenministeriums gab es erstmals auch ein Todesopfer auf Seiten der Sicherheitskräfte zu beklagen: Ein Polizist sei auf dem Weg nach Hause von Unbekannten erschossen worden. Die Opposition wies jedwede Verwicklung in den Mord zurück und sprach von gezielter Provokation, um eine Räumung des Maidan rechtfertigen zu können.

Am frühen Morgen beruhigte sich die Lage etwas, nachdem sich auch die gewaltbereiten Demonstranten mit den Sicherheitskräften auf eine Waffenruhe geeinigt hatten. Doch an der explosiven Lage in der ukrainischen Hauptstadt ändert das nichts.

Denn Janukowitsch hat seit den dramatischen Tagen Ende November, als er sich plötzlich weigerte, ein jahrelang ausgehandeltes Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union zu unterzeichnen und stattdessen seine Blicke und offenen Hände wieder gen Moskau zu richten, eine aus seiner Sicht erfolgreiche Hinhaltepolitik verfolgt. Mal hier ein kleines Zugeständnis, mal dort ein versöhnlicherer Ton. Das hat bei den zehntausenden Demonstranten auf dem Maidan immer wieder die Hoffnung geschürt, es könnte sich vielleicht doch noch etwas in ihrem durch und durch korrupten Land verändern. Seit Donnerstag dieser Woche ist jedoch auch die Hoffnung gestorben.

Denn erstmals seit Beginn der Demonstrationen Ende November gab es Todesopfer: Mindestens fünf Demonstranten kamen ums Leben, mehrere durch Kugeln aus Pistolen der Sicherheitskräfte, ein junger Mann stürzte auf der Flucht vor der ihn verfolgenden Polizei von einem Dach. Mehrere hundert Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko, einer der drei Oppositionsführer, der in der vergangenen Woche gleich zweimal mit Janukowitsch verhandelte, machte keinen Hehl aus seiner Meinung. „Der Präsident hat Blut an den Händen“, sagte er auf dem Maidan. „Er muss zurücktreten“.

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